Blog 69, 4. Februar 2010
Steffi betrachtet den hellblauen Dreiviertelsquadratmeter Himmel über ihrem Kopf, ihren Unendlichkeitsausschnitt, den ab und an eine zerzauste Wolke durchzuckelt. Die Matratze, das Duvet, der hölzerne Bettrahmen, all dem haftet noch der Duft des Unverbrauchten an, die dritte Nacht ist es erst, die sie in ihrem neuen, ihrem eigenen Zuhause verbracht hat.
Steffi fühlt in ihren Körper hinein. Aber da ist nichts. Sie steht auf und kramt aus der der schwarzen Schuhschachtel von Repetto mit dem Magnetverschluss im Kleiderschrank den Vibrator hervor. Den hatte Roman ihr geschenkt, vor, wann war das? – vier Jahren ungefähr, als sie noch Sex gehabt hatten, regelmässig, gut auch, ja, bevor er, wann war das? – ach ja, vor einem Monat erst, endlich damit herausgerückt war, dass er «im Verlaufe des vergangenen Semesters» mit ihrer Cousine Coco angebändelt habe. Mit der Base, soso, gratuliere, er ist dem Genpool treu geblieben, teilweise, wie schön. Das letzte Mal Sex hatten sie, vor, wann war das? – neun Monaten gehabt, wenn nicht zehn sogar, krass. Mit achtundzwanzig, hat Steffi immer zu wissen geglaubt, ist Frau libidomässig auf dem aufsteigenden Ast, mehr noch, die Erntezeit beginnt, sagen die lieben Bücher, und sie dauert bis kurz vor Einsetzen der Menopause an. Aber sie und Roman, da war nichts mehr, er hat wenig Interesse an ihrem Körper gezeigt und sie ist froh gewesen, ihn nicht permanent abweisen zu müssen, weil sie gar aber rein gar nichts mehr gespürt hat im Bauch und weiter unten erst recht nicht.
Abgefunden hat sie sich schon fast damit, dass ‹das› bei ihr halt erloschen ist, es kann schliesslich nicht bei allen gleich lang dauern, jemand muss ja das kürzeste Hölzchen ziehen, statistisch rein schon, sonst gäb‘s ja weder Median- noch Mittelwert.
Dass Steffi den Vibrator beim Wohnungsteilen eingepackt hat, war naheliegend, obwohl er ihn bezahlt hatte. Obschon, wenn er die Kusine beim Reinstecken mit irgendwas ansteckte, das wäre. Aber so darf man nicht denken.
Steffi dreht an der schwarzen Verschlusskappe, Roman hatte das immer gemacht, gegen den Uhrzeiger muss man, aber das Ding macht keinen Wank. Sie rüttelt, schüttelt und schraubt, aber nichts. Sie nimmt den Deckel ab. Batterie ausgelaufen.
Also schaut sie weiter den Wolken zu, abgekoppelt von ihrem Unterleib, wie im Tot-Spielen in den letzten Minuten der Yogastunde fühlt sich das an. Shavasana.
Steffi öffnet die Tür, verräumt den Inhalt der Migrossäcke, Macht der Gewohnheit wollte sie für Roman Stracciatellajoghurt in den Korb laden, wird schon werden. Und endlich kann sie auch das Poulet kochen für die Freunde heute Abend, das er nicht mochte wegen der gekochten Trauben der dumme Schnäderfräss.
Zwei Wochen später ist sie plötzlich da. An einem Samstagmorgen, um neun Uhr dreissig, Steffi studiert gerade den heute grauen Himmel durchs Dachfenster, giesst Venus eimerweise Voluptas über sie aus, wabernde, dibbernde, sirrende, flackernde, pulsierende, zuckende, pure Lust fliesst vom Wurzel- ins Kronenchakra, sammelt und mehrt sich im Unterleib und dehnt sich bis in die Ränder ihrer Fingernägel aus, elektrisch geladen ist ihr ganzer Körper. Steffi betrachtet sich nackt im Spiegel, aber aussehen tut sie wie immer. Aber fühlen wie eingedickter Glühwein.
Sie schlüpft in das graue Wollkleid und verlässt das Haus. Das bildet sie sich nicht ein, dass sie jeden, aber wirklich jeden hier auf der Strasse haben könnte. Blicke saugen sich an ihr fest, ihrer schlanken Gestalt, in ihren grauen Augen hinter dem dunkeln Pony.
«Komm mit»,
liegt ihr auf der Zunge und sie ist so sicher, dass jeder, wirklich jeder, ihr heute folgen würde, müsste, überall hin, die Lust in ihrem Körper strahlt zwei, drei, nein fünf Meter weit ab, sehen kann sie es direkt und das bedeutet, dass sie, die Männer, sie auch sehen, die Leidenschaft, den Trieb, von einem ganzen Jahr, mehr noch, gespeichert waren sie, irgendwo, und jetzt, jetzt sind sie zurück gekommen, wie ein Schwindel fühlt sich das an, es brennt zwischen ihren Schenkeln und der da links, mit dem Strubbelkopf, verschlingen könnte sie ihn, sich im Nacken verbeissen, oder besser vielleicht umgekehrt, denn sie ist es ja, die voll ist, übervoll, überlaufend, tausend Männer könnten sich an ihr satt, ja was eigentlich?
«GIGI von Lelo. Er ist der Meister»,
hat ihr ihre Freundin vor zwei Wochen geraten, als sie über ihren fehlenden Sexpower gesprochen haben.
«GIGI von Lelo»,
sagt sie drum zur älteren, dicken, kurzhaarigen, aber sehr netten Frau in der Condomeria. GIGI ist das iPhone unter den Vibratoren. Das weiss-magentafarbene Modell ist ihres, keine Frage.
«GIGI ist die ultimative Spezialistin im Lustbereich: Sie fokussiert sich auf eine der befriedigendsten Quellen der sinnlichen Erfüllung, die eine Frau erleben kann [...]. GIGIs abgeflachtes Ende ist perfekt auf die Erkundung der erogensten Zone ausgerichtet. Ihre spezielle Formgebung lädt auch zu verschiedenen klitoralen und vaginalen Stimulationen ein, unterstützt von fünf einfach zu kontrollierenden Vibrationsprogrammen. [...] Mit GIGI erreichen Sie ungeahnte Gipfel der Ekstase, die sich kaum beschreiben lassen.»
Die Grauhaarige erklärt ihr, wie GIGI, die Vibratorin, funktioniert. Mit GIGI kommt ein aufladbarer Akku mit Netzteil. Süsses Dingsbums mit optimiertem CO2-Footprint.
In den zwei Stunden, die GIGI geladen wird, badet Steffi in ihrer Lust. Und heissem Schaum, der nach Mandel und Ingwer riecht.
Sauber und dampfend schlüpft sie wieder unter die Decke.
Eine Stunde später ist GIGI noch nicht müde, als Steffi wohlig erschöpft einnickt. Als sie um halb drei wieder erwacht, ist ‹es› immer noch da. Steffi lächelt. Sie weiss. Roman war gestern.
Heute wird es ein anderer sein. Oder einer nach dem anderen.