Monatsarchiv: Februar 2009

Und am Schluss der Bademantel

Blog 27

Er ist einer von denen, die nie heiraten wollte, auch wenn’s ihm selbst nie zum Scheidungssohn gereicht hat. Als er seine mehrjährige Freundin dann während einer der wöchentlichen Sexsessions schwanger kriegt und das Kind nach zwei Jahren noch gesund ist und ihm immer noch ähnlich sieht überlegt er sich’s nochmals. Freitag der 13. – das prädestinierte Verehelichungsdatum. Der ehemalige Fussball-Kollege Deniz zeichnet für das Polterabendprogramm verantwortlich. Da sich an einem kalten Mittwochabend wenig Schlaues anstellen lässt, macht er sich auch nicht allzu viele Gedanken. Gestartet wird mit saftigem Grillfleisch (auf Kosten des Bräutigams), gefolgt von gähnender Ratlosigkeit. Mit am Tisch: zwei verheiratete Überfünfziger (Hanspeter und Jimmy), ein geschiedener Mittvierziger (Geri) und vier stramme Jungs in den frühen Dreissigern (Markus, Pascal, Denzi und Stewy), allesamt in festen Händen.
Während die Gierden des Magens gestillt werden, macht sich – primär bei der älteren Generation – noch ein anderes Hüngerli breit. Eifrig wird diskutiert, wo’s noch weiter gehen könnte. Da sich die muntere Bande im beschaulichen Zürcher Oberland rumtreibt, sind der Optionen gar weniger als in den Quergassen der Langstrasse.
Den Digestif genehmigt man sich im Viper in Dübendorf, einem schmuddligen Laden, angereichert mit Ostprostituierten, die mehr Geld in Silikon und Wasserstoffperoxyd als in ihre Körperhygiene investieren. Auch Pfuschereien sind zu sehen (Gott hat nämlich wenig von Nippeln, die senkrecht gen Himmel schauen).
Der alten Garde ist das alles zuwenig. Mit Kennerblick und Speichel im Mundwinkel listen die Grauhaarigen die Bordelle und Clubs im Umkreis von 20 Kilometern auf. Nicht alle sind einverstanden mit einem Vögelausflug. Den einen hat die Tittenschau genügt, die anderen wollen den Wagen – koste es was es wolle – noch einparken. Der Heiratskandidat schweigt zu allem bereit, denn heut schlägt die zweitletzte Stunde seiner Freiheit.
Kurz vor Mitternacht macht sich eine um zwei Spielverderber reduzierte Formation auf ins Globe nach Schwerzenbach (www.club-globe.ch). Dass der Laden auch eine innenarchitektonische Sensation ist, ist ein zusätzlicher Stimulus. 90 Franken kostet der Eintritt, ein halbes Stündchen ‚Service’ (Waschen und Polieren) 130.- Ran an den Speck – heut zahlt schliesslich die Haushaltskasse.
Innendrin gibt’s für jeden Gusto das passende Dekor: Die Pool-Bar simuliert sechs Quadratmeter Hawaii, während sich die Vancouver Shower vor allem für nasse Hot-Spring-Spielchen eignen. In der Zermatter Jagdhütte wird jedes Reh genüsslich zerlegt und in St. Petersburg gibt’s wangenknochige Rotschöpfe, im Bangkok-Restroom enge schmale kleine Schwarzhaarige und in der Havanna VIP-Lounge lassen sich Schwänze und Zigarren quervergleichen. Für ‚Erlebnisberichte’ muss man sich allerdings einloggen.

Von peter88 erfahren wir: „Ich ging am Samstag hin und wollte nur einen kurzen Rundgang machen und sie meinte, es wäre zu voll, aber sie sagte, würde ich die 90.- zahlen würde ich rein kommen. Am Montag zwischen 17:30 und 18:00 gingen wir wieder hin und wollten auch die 90.- bezahlen, mann wir haben uns so darauf gefreut, als wir am Empfang kamen sahen wir 3 wunderschöne Frauen alle ganz nackt!!! Mann die waren Hammer ich konnte es irgendwie nicht glauben.“

Krass. Ganz nackte Frauen. Wo gibt’s denn so was.

Heat! Heat! scheint nicht nur reifer, sondern auch tiefer in der Szene drinzustecken: „Im Globe gibt es seit neustem eine Angelina. Weiss jemand, ob das dieselbe ist, welche letzten Herbst im Swiss-FKK gearbeitet hat? Ich habe die Swiss-FKK-Angelina (sehr junge, superschlanke Bulgarin, spricht nur englisch) jedenfalls nicht gesehen, als ich neulich viele Stunden im Club war und Angelina (ohne Bild) auf dem Tagesplan. Vermute, es ist eine andere. Bestätigen kann ich es aber nicht.“

All die –inas, -onas, -anas und –ettes, die da schön sauber auf den Präsentiertellern lauern, da krieg ich selbst gleich Appetit. Gleich geht’s der Fremdenpolizei, die sich ebenso ab und an aufmacht zur Stipp- (oder Stich-)Visite.

Maitai ist arg besorgt darum, wer’s ihm wohl nächstes Mal so richtig besorgen mag: „Wen hat es denn bei der letzten Kontrolle von unseren Lieblingen getroffen?“

fire fire postet gleich die Medienmitteilung (one for all and all for one!): „Angehörige der Kantonspolizei Zürich haben am Dienstagnachmittag (20.1.2009) in Schwerzenbach einen Club kontrolliert und dabei vier Frauen festgenommen und drei verzeigt. Bei der Aktion wurden insgesamt 20 Personen einer Kontrolle unterzogen. Dabei wurden zwei 25-jährige Brasilianerinnen und zwei 22- und 23-jährige Rumäninnen festgenommen, die über keine Arbeitsbewilligung verfügten.“

Ein paar Illegale weniger, die durch frische Arbeitslose, zum Beispiel aus den Rängen der Finanzdienstleisterinnen, ersetzt werden können. Heimische Arbeitskräfte sind ja auch sozial nachhaltiger. Und mit den Arbeitsbedingungen kann nicht mal Google konkurrieren. Oder wer möchte nicht gern arbeiten „ wie in den Ferien?“
Im Globe geht’s nicht nur fröhlich, sondern auch sehr feucht zu und her: „Swimming-Pool, Whirl-Pool, Disco, Fitness, Sauna, Solarium und ein grosser Aussenbereich im Sommer.“ – alles gratis zur Mitbenutzung! Keinen Zehnten zur Abgabe (wie bei ICF), keine Zuhälter-Kurtaxen… Das bisschen Ficken  fällt da auch nicht mehr gross ins Gewicht. Vor allem, wenn man die Gäste frei auswählen darf, genauso wie die Anzahl Einsätze pro Tag. Zudem sind Wohngelegenheiten verfügbar (wenn das Schlafen während dem Akt nicht ausreichen sollte).
Ihr müsst Euch allerdings sputen, Girls, das Maximalalter ist bei 35 angesetzt. Dann ist fertig Honig geschmiert und milchiges geschluckt.
Ich stell mir grad vor, dass Hanspeter nächstes Mal im „Angkor-Raum“ auf Tina trifft, seine Tochter.

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Die perfekte Form

Blog 26

Gibt es eine offizielle Definition des perfekten Penis? Wenn ich Internetforen abgrase, entdecke ich gar Vieles, in erster Linie viel Müll.

Donna 77 meint zum Beispiel: «er darf lang sein, dick sein, und muss lange stehen. Langsein deshalb, um auch alle möglichen Stellungen praktizieren zu können. Also nicht unter 20 cm.»

jewgraf-hh ergänzt: «kerzengerade, hart wie Krupp-Stahl und steht die ganze Nacht (ohne Viagra).»

Immanuela ist etwas konkreter: «Ich finde, er sollte schön rosa sein und nicht zu lang und zu schmal sondern so mittellang und so normal dick. Ist schwierig zu beschreiben. Am geilsten find ich, wenn man noch die Ansätze von Adern im Penis sieht. Bei dem Anblick von einem geilen harten Schwanz könnt ich so schon abgehn.»

Damit ergeht es ihr ganz anders als meiner Freundin Suzy, die sie «allesamt hässlich» findet, egal ob lang oder klein, dick oder dünn, beschnitten oder mit Handörgelifalte.

Aber die Unterschiede sind ja durchaus riesig – nicht nur in Bezug auf die Grösse. Krumme Dinger mag infolge ihrer unberechenbaren Deviationsdynamik und ihrem schlecht in Hand und/oder Mund-Liegen wohl keine wirklich gerne. Zu den weiteren (optionalen) Attributen zählen: haarig vs. blank, adrig vs. glatt, sanfthautfarben vs. knallblutrot. Sauber ist durchaus ein Plus; Urinrückstände gehören – wenn überhaupt – bitte nur ins Züri-WC. Auch Wohlgeruch ist ein Muss, Modrigkeit ist sich besser mit Miso-Suppe im Ginger.

Verbindliche Eckwerte finden sich bei der Sextoy-Industrie. Ein (anatomisch nachempfundener) Kunstschwanz ist bei e-Shops wie laetitia.ch schweinchenrosa oder negroidschwarz (female fantasies!), unbehaart (natürlich), leicht adrig und sanft gebogen. Die Masse: rund 18 bis 22 cm lang, Radius von 2 bis 2.5 Zentimetern. Offenbar soll man beim Anblick der Dinger weder an den eigenen Sohn im Prä-Teenager-Alter noch an die irgendwann eventuell bevorstehende Erstgeburt denken. Aber wie soll frau sich nun feien for unschönen Überraschungen, resp: wie find ich nun den perfekten Penis?
[Man erinnere sich an: https://danitonet.wordpress.com/2008/08/28/unter-des-kaiser-kleidern/.]

Watzlawick hat gelehrt, dass wir nicht nicht kommunizieren können, sondern permanent nonverbale Signale aussenden; durch unsere Mimik, unsere Kleidung, unseren Geruch etc. Unser Körper labert quasi ständig vor sich hin. Das ist – bei petzenden Fingerabdrücken – durchaus ärgerlich, kann aber auch sehr praktisch sein, wie im Falle der Faustregel «an der Nase eines Mannes erkennt man seinen Johannes.»

Diese Metaebene unserer Körpersprache kann man sich verschiedentlich zunutze machen; einerseits in der Medizin (Iris-Diagnose, Ohrmuschel-Akupunkturmasochismus), aber auch viel tiefschürfender, ist doch zum Beispiel in unseren Handlinien unsere Vergangenheit mitsamt der Zukunft säuberlich abgebildet. Das ganze Schicksal hat sich in uns eingegraben! – und erst noch Shiva-gebührenfrei. Auch die Hornhaut an unseren Füssen plappert und gibt Aufschluss über die letzten Sandstrandferien. Oder die Qualität unserer Schuhe. Oder unser Budget für Pédicure. Sehr beruhigend ist auch die erwiesene Wahrheit, dass, wenn der Ringfinger länger ist als der Zeigefinger, der Mann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schwul ist. Der Umkehrschluss gilt allerdings nicht, analog dazu, dass ein nicht-beringter Mann durchaus verheiratet sein kann, wie wir alle wissen.

Nun hat ja diese Körpervermesserei nicht nur etwas Narzisstisches, sondern auch etwas Nazistisches. Eine selbst ernannte Pathognomin erster Sahnegüte hat das Werzumteufeltutsichdasan-Blatt ‹punkt.ch› vor einer Weile aufgegabelt (danke für den Input, Stella). Tatjana Strobel hat sich in den Kampf ums Zürcher Stadtpräsidium eingemischt und als Entscheidungshilfe eine Gesichtsanalyse vorgelegt. Wohl, weil zwei Frauen ü40 nicht mehr aufgrund Busen, Beine und Arsch qualifiziert werden.

Während «das quadratische Gesicht» von Kathrin Martelli dafür spricht, dass sie «sehr willensstark und entschlussfreudig» ist und drum Zürich «mit einem sparsamen Einsatz von Gefühlen und wenig Charisma» repräsentieren wird, zeugt Corine Mauchs «ovaler Schädel»

von einem «sehr lebhaften Geist». Mit ihrer Art kann sie andere aber auch buchstäblich «vor den [ovalen? ] Kopf stossen».

Am 29. März wird klar sein, wer seine Binden und OB ab Mai in der präsidialen Toilette verstauen wird. Wenn sich die beiden Girls bisher auch noch keinen anständigen Cockfight geleistet haben, werden wir uns wenigstens für eine Weile nicht mehr mit Johannesfragen rumquälen müssen. Zürich sagt: «Yes we can?» und hievt ein Weibchen auf den Thron. Dass Mauch das Rennen machen wird, ist offensichtlich. Klein, graublonde Locken, blaue Augen – die Frau ist stocklesbisch.

Und was Berlin kann, können wir schliesslich schon lange.

Und besser, natürlich.

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Bravo!

Blog 25

«Hilfe, mein Penis ist zu kurz!»

«Hilfe, ich komme viel zu früh!»

«Hilfe meine Mutter hat mich beim Onanieren erwischt!»

«Hilfe, mein Freund betrügt mich!»

«Hilfe, sie kommt nur beim Oralsex!»

Wer könnte nicht ad hoc eine ellenlange Liste mit Hilferufen ans Dr. Sommer-Team aus dem Gedächtnis aufrufen? Wen von uns haben die Bravo-Sexexperten nicht ab und an aus der Misere gerettet? Sommers waren (zumindest in der Prä-Google-Zeit) unbezahlbar, sie hatten Antwort, wo Peers die Schultern zuckten und Eltern unbefragbar waren. Sommers haben etwa einen Drittel meiner Sexualaufklärung auf dem Gewissen und zeichnen massgeblich verantwortlich, dass ich (schon?) mit 14 unbedingt ausprobieren wollte, was es mit diesem ominösen ‹ersten Mal› konkret auf sich hat.

Wenn ich heute den Blick am Abend lese, bin ich stolz, dass eine von uns Head of Corporate Dr. Sommer Communications geworden ist, Eveline von Arx, seriös schaut sie aus, ein wenig, als würd sie sich während ihrer Arbeit selbst aufklären oder das Ganze für alle anderen machen – nur nicht für sich.

Sind die Probleme der Jugendlichen noch dieselben wie damals? Oder etwa nicht?

Tief bin ich die Winden gestiegen. Und hab für Euch die BRAVO N° 13 vom 21. März 1966 und die N°8 vom 16. Februar 1970 von Spinnweben und Spermaflecken befreit.

Das Cover der 70er-Nummer ziert Who-the-Fuck-is-Barry Ryan. Und Ricky Shayne, der «schnellste Star der Welt» hat sich wohl auch schon lang in die ewigen Jagdgründe gerast.

Innendrin: Schwarzweissbilder, viel langes Haar (insbesondere auch im Gesicht), Creedence Clearwater Revival und Schmetterling-Stickers fürs Auto von Karstadt. Das Programm der SRG endete unter der Woche nach der Tagesschau um 22.15. Auch Snickers gab’s schon, «Erdnuss-Genuss im Schoko-Guss», lang lebe Frank Bodin, Werber des Jahres.

Dann, Seite 43 die Sprechstunde bei Dr. Jochen Sommer (in Wahrheit der Bielefelder Arzt Dr. Martin Goldstein). Die grossen Fragen der Woche waren:

«Weil er kleiner ist, lacht man uns aus.»

Interessiert nicht.

«Kann ich durch die Operation besser lieben?»

… ein Klassiker! Beim Sex hat’s nicht geklappt und jetzt will sie mit der Operationsschere hinters Hymen. Dr. Sommer sagt, es sei Psychologisch und sie solle sich an eine PRO FAMILIA [sic!]-Abteilung wenden.

«Einsam sitze ich in meinem Zimmer», schreibt Peter aus Gelsenkirchen, frisch umgezogen findet er mit «Jungen nur Zigarettenfreundschaft und bekam von Mädchen zweimal einen Korb.»

«Kann ich ihn von seiner Trunksucht heilen?»

Der Case der 17jhärigen Monika ist brenzlig. Sie evaluiert, sich mit ihrem 23jährigen Freund zu verloben, hat daneben aber einen «netten jungen Mann» kennengelernt. Was nun? Beigesellen? Trennen? «Der Freund, den ich schon länger kenn [sic!] ist treu, aber er trinkt mir halt zu viel.»

Genau. Untreu wie die Bohne – einfach mit der Flasche.

1966 gab’s noch keinen Dr. Goldstein-Sommer, der kam erst 1969. Davor war die erfolgreiche Pulp-Fiction-Autorin Marie Louise Fischer für das Wohl und Wohlige der Jungen verantwortlich. Unter den Pseudonymina Dr. Christoph Vollmer und Dr. Kirsten Lindstroem verfasste Fischer damals die aufsehenerregenden Serien Knigge für Verliebte und Liebe ohne Geheimnis. Coverboys und -girls der Ausgabe sind die Goldener-OTTO-Sieger George Harrison, Mamorsteinundeisendrafi Deutscher, drei Unbekannte und – unser aller heiss geliebter Winnetou.

Innen sehr faserigeres Papier, wenig Farbe und noch mehr unbekannte, längst vergessene Gesichter und Geschichten. Wehmütig streiche ich mit dem Finger zärtlich über den ‹Philips Cassetten-Recorder 3301›, «Schwupp, die Cassette rein – schnapp, den Knopf gedrückt».

Dann: der Knigge. Es geht um den Geschlechtstrieb, der bei Mädchen und Buben irgendwann (falls bei Männern nicht vor 18 wird geraten, einen Arzt aufzusuchen, auch wenn (natürlich!) keinerlei Anlass zur Sorge bestehe. Schon 66 haben wir’s, schwarz auf vergilbt. Das ewig währende Dilemma. Bei den Geschlechtlein erwacht der Trieb. Die Fräulein beginnen sich (unbewusst!) aufreizend zu kleiden; Röckli werden kürzer, Blüsli enger. Die Jungs daneben werden (ungewollt!) schlicht und ergreifend dauerspitz.

Und schon ist der Adam&Eve-Clinch komplett. Denn: Während die Mädchen nur die Eheringe im hübschen Hinterköpfchen haben, ist es bei den Jungs «nicht Liebe, die sie treibt – ich glaube, das sollte man nicht oft genug wiederholen –, es ist nichts als der noch unbeherrschte [!]Trieb.»

Glück haben die Ricken, die von ihrem Elternhaus aus gezwungen werden, sich als Mauerblümchen zu (ver)kleiden, denn sie sind aus der Gefahrenzone. Das böse Mädchen aber (wenn auch hungrig nur nach Liebe), «möchte, obwohl es noch viel zu früh dazu ist, eine feste Bindung, der Junge – genauso voreilig – möchte ans Ziel seiner Wünsche kommen».

Irgendwann checkt das Mädel, dass das Bübel nur poppen will und zieht sich frustriert und enttäuscht zurück. Er, unbefriedigt, lernt daneben das Tricksen, speilt Gefühle vor, wo keine sind. Sie gibt sich schliesslich hin – und – zack! – er ist weg.

«Wenn sie Pech hat, merkt sie jetzt auch noch, dass sie ein Kind bekommt.»

Die Scheisse kommt knüppeldick. Und schuld ist (resp. war 1966) natürlich Eva, die ewige Verführerin.

Die Lösung? Ganz einfach. Die junge Frau muss lernen, sich zu zügeln, denn die «wunderschöne grosse Liebe» kann eine Frau nur dann empfinden, «wenn sie ihr Herz und sich selber nicht dem ersten, sondern dem einzigen, dem wirklichen Partner fürs Leben schenkt.»

Kommt das irgendwem irgendwie bekannt vor?

Täte mir Leid.

So ging das damals zu und her, vor den ausgelassenen 68ern. In der Rubrik ‹Dr. Vollmer gibt Rat in Liebesproblemen› sind die Gräben der Zeit weniger tief. Karin aus D. ist einsam, Gertraude [sic!] aus K. streitet ständig mit ihrem Freund, Magdalena aus M. ist in einen anderen verliebt als den, mit dem sie verlobt ist. Kennen wir alles.

Den Time-Tunnel macht der 17jährige Herbert aus S. deutlich:

«Ich sehe sehr gut aus, worauf ich mir allerdings nichts einbilde [!]. Ich gehöre zu einem grossen Freundeskreis, einer ganz tadellosen [!] Clique. Nur leider sind wir 12 Jungen und 14 Mädchen, so dass immer zwei Mädchen beim Tanz übrig bleiben.»

Der grossherzige Herbert erbarmt sich der armen zwei ab und an, was seiner Lena überhaupt nicht in den Kram passt. Einmal, «mitten in bei einem zärtlichen [sic!] Tango» mit einer der Überzähligen, wird Lena richtig ranzig und verpasst ihm «in Gegenwart aller ein paar heftige Ohrfeigen».

Nicht genug krallt sie sich gleich einen der restlichen 11. Und Herbert gilt als Susi, die sich von einem Weibsstück hat verprügeln lassen. Hart – und nicht immer herzlich war das Leben also auch damals.

Zu ihren besten Zeiten hatte die Dr. Sommer-Redaktion 3000-5000 Briefe pro Woche [!] zu beantworten, wohl Nachbeben der Kraft der Blumen. 1972 wurden zwei Ausgaben mit Artikeln zum Thema Selbstbefriedigung infolge ihrer jugendgefährdenden Wirkung indiziert. In der DDR gab’s gar kein Applaus für Bravo.

Aber das Leben war auch simpler. Man musste sich beispielsweise noch keine Gedanken darüber machen, ob die Intimfritte jetzt herz- oder pfeilförmig zu sein hat und über anal – Ja oder Nein wurde auch nicht öffentliche debattiert.

Heut hat Dr. Sommer (natürlich) seine eigene Sub-Site auf dem Web. Und was entdecke ich da?

«Tipps für Jungs, die den ganzen Tag immer wieder an Sex denken müssen.» Marie-Louise Fischer grüsst nach über 40 Jahren aus der Gruft:

«Für viele junge Mädchen kommt zuerst die Liebe, dann erst der Sex. Bei den hormongeplagten Jungs ist das oft umgekehrt. Erst wenn ihr Hunger auf Sex gestillt ist, ist auch Raum für Liebesgefühle. Dieser Unterschied führt oft dazu, dass ein Junge bereits mit einem Mädchen schlafen will, während sie noch vom ersten Kuss träumt. Klar, dass dieser Interessenskonflikt dann auch oft zu Problemen führt.» (Die ganze Antwort unter: http://www.bravo.de/online/render.php?render=082737)

Meine Fresse. Die Welt ist immer noch rund.

So, jetzt geh ich mal in halbeigener Sache gucken. Eine Freundin möchte nämlich ihren Facebook-Status von ‹it’s complicated› auf ‹Single› wechseln.

Darf man das?

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Boys, boys, boys.

Blog 24

Wenn man vom rechtspoplulistischen Politikblast mal absieht, publiziert die Weltwoche ab und an ganz brauchbare Sachesächeli, vor allem mit Popular Culture-Themen hab ich schon öfters Zeit mit Köppels Truppe verprasst.

Neugierig gemacht hat mich da neulich der Artikel von Beatrice Schlag zu den «ewigen Buben». Sich darunter was vorstellen fällt überhaupt nicht schwer: Man gehe eines schönen Abends ins Longstreet, Forum, Bar 3000, Dani H. etc. – oder noch etwas später in einen der Clubs im Quartier (im Hive stechen sie übrigens am besten hervor).

Cool sind sie, wenn auch etwas verbraucht, beim sechsten Cuba Libre mit den Kumpels oder dem achten Bier, Halbdesignerjeans und ausgelatschte Sneakers; die Garde der Architekten mit den zartmelierten Ohrapartien, Grafiker, Musiker, Marketing-Co-Leiter und Eventmanager sie, die kaum den Weg aus der Stadt kennen und allesamt um die fünfunddreissig sind. Soziologen rätseln, so Schlag, ob der Berufsjugendlichen, von denen offenbar «keiner mehr ein Mann werden» wolle. Viele von ihnen sind Single, alle aber unverheiratet – und nicht nur kinderlos, sondern auch tendenziell trabantenfeindlich eingestellt. Für die Verantwortung fühlen sie sich (noch?) nicht reif und es ist arg zu bezweifeln, ob sie es jemals sein werden, die Verantwortung scheint inkompatibel mit dem Lebensstandard einer Generation, die am Dienstag noch keine Gedanken an Samstag verschwenden kann.

‹Brunokoch› hat sich (wohl nachdem er seinen Rausch mit einem komatösen Tiefschlaf ausgekatert hat) zu einem online-Kommentar durchgerungen.

«Tatsache ist: In Zeiten in denen Sex relativ frei verfügbar ist (wechselnde Partnerschaften, Bordellbesuch, Internet), ist der Marktwert einer Frau mit Kinderwunsch extrem gesunken. Warum sich einen Klotz ans Bein binden?»

Recht hat er. Und zu Recht scheint Die Welt darüber zu sinnieren, ob die Männer am Ende schuld seien an der niedrigen Geburtenrate. Erwachsen werden müssen ist zum Druck geworden. Was gehört sich noch, was darf ich nicht (mehr)? Wann sind die Simpsonst-Shorts definitiv gestrichen? Wann wird’s peinlich, noch zu kiffen?

Wer von Mittwoch bis Samstag die Gassen frequentiert weiss: die Anzahl unbekannter Gesichter im Club verhält sich negativ proportional zur Intensität des Ausgangverhaltens.

Nach Tom zum Beispiel, der in seinem Kaputzenpulli dumm und allein in der alten Börse auftaucht, kann ich zum Beispiel die Uhr richten und weiss auch, dass der israelische Zahnarzt einer der letzten ist, der die Tanzfläche im Hive verlässt (unten natürlich, wo die härteren Beats gespielt werden). Alles wird zunehmend ‹worn out›; Redundanz schafft stilisierte Gewöhnlichkeit.

What for?, frag ich mich, zudem der ungesunde Lebenswandel sich ebenfalls disproportional zur physischen Jugendlichkeit verhält. Dagegen sind weder Kraut noch Creme gewachsen.

Und, Brunokoch, der Du Dich offenbar immer noch an den stereotypen yourporn-Filmli aufgeilen kannst: Internet-Sex ist auch eine Form von Realitätsflucht. Und man kann bestens altern vor dem Bildschirm.

Verantwortung. Das finden wir im Job. Verbindlichkeit – dafür haben wir unsere Freunde. Freundschaft (wissen ü30) – hält länger als Partnerschaft (ausser die Pseudofreundschaften mit den Peers des aktuellen Lebensabschnittspartners). Oder wer hat noch Kontakt zu den Eventualschwiegereltern von 1997?

Wozu also sich auf ein Arrangement einlassen, das früher oder später zur Plage wird? Kollektives Singleleben ist weitaus interessanter, wie auch das ausschweifende Single-Sexleben.

Während uns Frauen früher oder später die biologischen Uhren zurückpfeifen, ist bei den Männern aber der Faden ganz verloren gegangen. Warum?

Niemand weiss es genau, Theorien gibt’s mehr als zur Entstehung der Welt, keiner der von Schlag aufgezeigten Erklärungsansätze befriedigt und die amerikanischen sind ohnehin nicht auf die Histoire unseres Landes adaptierbar. Aber: die Wahrheit muss irgendwo da draussen sein.

Fleissig wird online mitgerätselt, viel Schlaues gibt’s aber nicht draus. Um eine offenbar besonders traumatisierte arme Sau scheint’s sich beim Alias ‹Vater› zu handeln:

«Soso da wundert sich die Damenwelt, dass wir Männer immer seltener Väter werden wollen. In der heutigen Zeit ist das Vatersein mit massiven unkalkulierbaren Risiken verbunden: Mit einem Bein steht man im Knast, mit dem anderen in der Obdachlosigkeit. Wenn die Herzensdame genug hat, lässt sie ihn sitzen und verklagt ihn auf Unterhalt.»

Mir kommen glatt die Tränen. Am verantwortungsvollen Vorausschauen scheint‘s Papi nicht zu mangeln. Oder ist er bereits inhaftiert? Unschöne, existenzangstmotivierte Börsengeschäfte? Oder mit dem Zimmermannsersatz im Haus auf die lieben Kleinen los (besser das Problem auf einen Schlag lösen, als jeden Monat Alimente zahlen?).

Alias ‹KdN› [Kuno die Niete? Kannst du noch?] scheint ebenfalls gebranntes Kind zu sein:

«Wenn wir [Sorry, Kuno, ich musste ein paar stilistische Dummheiten entfernen] uns entscheiden, keine Kinder zu haben, im Leben andere Werte zu leben und keine Frau, keine Familie und keine einseitige Abhängigkeit wollen, dann ist das unser Recht, schreibt darüber, was Ihr wollt! Die Frage, ob Mann heute Kinder haben will, ist vergleichbar mit der Frage, ob Frau abtreiben will! Euer Bauch gehört Euch! Unser Schwanz aber, gehört uns!»

Kuno hat offensichtlich eine Schrägneigung zu unsinnigen Vergleichen.

Aber das mit der Abtreibung bringt mich auf ein anderes Thema resp. eine andere Diskussion in einem anderen Forum:

Susi8001 schrieb am 24. Januar:

«Ich bin schwanger und will abtreiben. Eigentlich ist unsere Beziehung ziemlich am Ende. Mein Noch-Freund sagt, dass er nie wieder ein Wort mit mir sprechen wird, wenn ich abtreibe. Wie findet ihr das?»

Auch dieser Hilferuf hat die Welt arg beschäftigt. Die weibliche Hälfte hat sich auf den emotionalen Teil verlagert à la ‹‹Geh, wohin Dein Herz Dich trägt!››. Die etwas Klügeren unter uns raten, derartige Diskurse nicht online, sondern im Kreise der Direktbetroffenen zu regeln: «Du willst wohl nicht im Ernst Deine Entscheidung von den Tipps auf diesem Thread abhängig machen????»

Nichtsdestotrotz hat das Thema (bei Redaktionsschluss) 56 Antworten generiert. Die Lösung, scheint’s (und damit wären wir wieder bei der Weltwoche), ist die Flucht in die Vorpubertät resp. die Phase nach der Menopause und/oder Fertilität – der Ansatz Mondkind›:

«Mir ist es auch schon mal passiert, dass ein Gummi zerrissen ist oder gar in mir drin geblieben ist [sic!]…..es kann immer was daneben gehen… [im wahrsten Sinne des Wortes] Die einzige sichere Verhütung ist ganz einfach Abstinenz.»

Das möchte der ewigjunge ‹Heindoof›, mein absoluter Lieblings-Kommentator auf dieser Seite

«genau so kriege ich 20-21 Mal pro Monat Analsex. im Boni-Jargon nennt man das Win-Win. geil gell ;-P»

Der Link zu den Dingern:

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-01/artikel-2009-01-die-ewigen-buben.html

http://www.ronorp.net/forum/messages/Jetzt_gilts_ernst

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