Monatsarchiv: November 2009

Hab ich mir gedacht

Blog 61, 26. November 2009

Total Bar. Ich warte mit Sonja auf Simone, die neuerdings unglaublich unpünktlich ist.

Wir nutzen die Zeit mit kugelfreiem Beckenbodentraining. Das geht so: Sobald eine von beiden per Ausruf, Handnotiz oder Fingerzeig eine Zahl benennt, muss sofort zum Beispiel «47!» Mal der verdammte Beckenboden eingesaugt werden. So wie jetzt gerade.

Ich bin bei 23, als Misch zur Tür reinkommt und sich vor uns aufbaut. Ich kann unmöglich gleichzeitig nummerieren und grüssen, Sonja auch nicht und so schauen wir den Misch mit angespannten Kiefermuskeln und zusammengekniffenen Augen an und klemmen um die Wette und irgendwie ist das wie ein doppelter Cyber-Orgasmus im Beisein eines Mannes, der keine Ahnung hat von seinem Glück und Gott sei Dank schon mit ein paar Bieren angefüllt ist und drum nicht schnallt, dass wir etwas very slow sind im Antworten.

«Fertig!»
japst Sonja und schlägt mich damit um zwei Kontraktionen, womit es vier zu sieben steht. Nun drücken wir Misch und entlassen ihn nach weiter hinten, wo ihn die Trinkmannschaft mit mehr gelbem Brautreibmittel erwartet.

Zehn Minuten später ist auch Simone unter uns. Hale-Boppig zur Tür reingeschossen stolpert sie beinahe über ihren viel zu langen Schal in die Arme eines jungen Wollkappenträgers. Des sehr niedlichen jungen Wollkappenträgers, von dem ich gestern erfahren habe, dass er auf dem Weg zum Medicus ist, was hübsch ist (Ärzte sind immer gut, auch da weisse Kitteli halbe Uniformen), aber erst 26, was etwas weniger hübsch, aber immer noch hübsch genug für Augenware ist.

Während sie sich ein paar Nieseltropfen von den roten Backen tupft, fallen die rotweiss gepunkteten Handschuhe und die Angoramütze zu Boden. Sonja bückt sich.

«Kind, wo ist Dein Hirn?»
«Es fehlt am ganzen Menschen.»

Simone ist vor etwa drei Wochen von dieser Welt gegangen.

Zuerst dachten wir, sie hätte die Johanniskapseln wieder angesetzt. Ab und an ist Simone ein wenig stimmungslabil und muss dann gut examiniert werden.

«Warten wir mal ab»,
hab ich gesagt.

Dann hab ich mir ihren iPod ausgeliehen. Neben dem üblichen Simonegemix aus wenig bekannten Pop-Songs, gepaart mit Indie, Singersongwriterstuff, aktiviert Glen Hansard mein Alarmsystem. Elvis Costello bringt das Blaulicht zum Rotieren und bei dreimal hintereinander

«Girl,if you’re wondering
if I want you to (I want you to)
I want you to (I want you to)

I swear it’s true (swear it’s true)
Without you my heart is blue
»

geht der Heulton ab.

‹ER› ist schuld.
Der Typ, den sie an der Reviereröffnung kennen gelernt hat. Unzweifelhaft optisches 1A. Seither sind sie in einem halbwegs stetigen SMS-e-Mail-Facebook-Chat-Kontakt. Gemäss dem, was sie in seine Satzfetzen reininterpretiert, könnte sich durchaus etwas daraus entwickeln.

«Warten wir mal ab»,
denke ich, die das Geplapper unvoreingenommenen Verstandes rezipiert.

‹ER› ist konsequenterweise Simones aktuelles Lieblingsthema. Spricht man sie auf ‹IHN› an (und believe me, das hält nur aus, wem’s nicht grad beschissen geht), straffen sich die Schultern, die Augen weiten und die Stirn glättet sich, ein debilitätsverwandtes Grinslächeln entblösst die schimmerweissen Zähnchen neckisch und das Sprechtempo nimmt um einen Drittel zu. Ein entzückendes Bild. Ihr neu gefundener Positivismus daneben ist unerträglich.

Die Haare frisch gewaschen und sämtliche eventuell störenden immer schön depiliert, hofft Simone nun von Donnerstagabend bis Sonntag in den frühen Morgenstunden, ‹IHM› (halbwegs zufällig) über den Weg zu spazieren und dann würde ‹ER›, wird ‹ER›, ja wird ‹ER› bestimmt, letztes Wochenende ist halt biz dumm gelaufen, dass man sich verpasst hat, aber heute…

«Warten wir mal ab»,
denkt es in mir viel zu laut und ich pappe mir Tesastrips auf den Mund.

Nichtsdestotrotz: Simones Lebensqualität scheint massiv gestiegen. Ihr Schlafbedarf ist von sieben auf beneidenswerte viereinhalb Nachtstunden gesunken. Selbstredend, dass die (einzige) REM-Phase auch ‹IHM› gehört ist. Alles haben ‹SIE BEIDE› in dieser Zeit schon zusammen getrieben; geknutscht, gebadet, gevögelt, geklaut, getanzt, gevögelt, gecubalibriert, gevögelt, gefrühstuckt, gequalmt undsoweiter und wenn sie morgens um halb fünf wieder hellwach im Bett liegt, klopft ihr Herz den Takt der Bewegungen ihrer Hände vor.

Simone hat die Quelle endloser Energiereserven angezapft. Alchemie live.

«Warten wir mal ab»,
denkt es in mir.

Ungerecht fallen sie, die Sterntaler. Als ob ausgerechnet Simone mit ihrer unschlagbaren Flughöhe es noch nötig hätte, lachen ihr Wildfremde auf der Strasse ins Gesicht, räumen im Tram den Sitz für sie frei, schenken ihr Marroni, halten Türen offen und heben mit unglaublicher Dienstfertigkeit all den Krempel auf, den sie ständig verliert und verlauert. Im Ausgang ist sie auch ohne Alkohol total high und nach dem zweiten Drink trägt sie ein fremdes Képi auf dem Kopf und wird von einer Traube elektrisierter Jungs umschwärmt, denen sie tief in die Augen schaut und die sie anstrahlt, wobei sie – total reizunemfpänglich –nur an ‹IHN› denkt. Am Laufband bekommt sie frischgefüllte Flûtes in die Hand gedrückt, wird von Bouncern aus der Reihe gepickt und vorgelassen und in Clubs wegen Drogen angekickt.

Auf dem Laufband hüpft sie, statt zu spazieren wie sich das gehörte, auf dem Heimweg summt sie fröhliche Liedchen und führt kleine interne Pseudodialoge mit ‹IHM›.

Jedes SMS wird vor dem Absenden fünfmal umformuliert, überhaupt fabriziert sie, deren Messages im Schnitt zwanzig Zeichen lang waren, plötzlich Wortgebilde einer die meinige übertreffenden Eloquenz. Ein wenig blumig im Abgang, vielleicht, aber oft träf wie die Schneide meines mit Blut, Schweiss und Hornhaut des nahtoten japanischen Meisters veredelten Gemüsehackmessers.

Mittlerweile habe auch ich ‹IHN› angesichtet. Ordinärintelligent, akzeptabel humorbegabt und alles. Mein Gensatz reagiert aber nicht auf seinen Hormonmix. Und: kleine Hände – schlechtes Zeichen.

«Na? Na? Na? Wie findest Du ‹IHN›? Sag schon! Super, nicht? Süss, nicht? Sag, ja?»
«Nun ja»
,
sage ich und
«warten wir mal ab»
,
denkt es in mir, schliesslich haben wir das allesamt X-mal schon erlebt.

Und zwei Wochen später ist’s irgendwie ausgeträumt, ob er sich einer anderen Option zugewendet oder einfach das Interesse verloren hat, ist nicht eineindeutig und
«hab ich’s mir doch gedacht»
,
denkt es in mir, und ich streiche ihr eine Haarsträhne aus den traurigen Augen, stelle die grosse Tasse Grog vor sie hin und sage
«Austrinken, Mädchen!»

und ein paar Folgen Grey’s Anatomy, wo die Ärzte allesamt sauschön und extrem männlich und super kompetent sind und alle entweder todkrank sind oder beschissene Beziehungen haben und später geht’s ihr schon wieder viel besser.

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True Romance.

Blog 60, 19. November 2009

[Dieser Blog erfolgt gemäss Wunsch von F.Z. aus W. ‹gwundrigis› Frage sei heutemit ebenfalls beantwortet.]

* * * * * * *

Das Blind Date am Dienstagabend im Theater erweist sich als schlaue Idee. Denn der junge Mann gefällt mir auf Anhieb überdurchschnittlich, woran die Flasche Moët, mit der wir unsere Vorstellung im Windschatten der Kirchmauer beginnen, für einmal gänzlich unbeteiligt ist.
Well done, Dani!, denkt es in mir.

Ein nur teilkluger Mann hat mir einst damit die Kappe gefüllt, dass sich die (typischerweise) total verklemmten Schweizstämmigen mit Vorliebe im Kino oder sonstwo treffen, wo nicht geredet werden muss, weil dies umständehalber gar nicht möglich ist.

Er fand das blödsinnig.

Ich finde das grossartig. Erstens kann ich den Unbekannten, der sich plötzlich Arm an Armlehne mit mir in einem abgedunkelten Raum befindet, aus dem Augenwinkel heraus beobachten. Ist das Köpfchen hell? Lacht er, wann er sollte? Beflügelt mich sein Geruch? Reicht sein Geschmack bis zu den Socken? Harmonieren unsere Energiefelder? Kann er still sitzen oder gehört er zur Gattung der Extremitätenvibratoren (dann würde ich mich spätestens in der Pause höflich entschuldigen), versprüht er Charme auf seine Sitznachtbaren rechts und kommentiert er die Extravaganza drei Reihen weiter vorne links?

Nicht auszudenken, wenn während dieser ganzen multidimensionalen Analyse auch noch geschwätzt werden müsste.

Und Dean macht alles richtig.

Und weil wir nicht reden müssen, weil wir nicht können, kann ich mich gaschromatographenähnlich in aller Ruhe auf unsere biochemischen Reaxen konzentrieren. Das Stück hab ich ohnehin schon gesehen.
Und die Vibes, um einen dämlichen Begriff zu bemühen, sind sogar hochqualitativ.

Nach der Pause rücke ich halbwegs unauffällig mein Knie gen‘ rechts. Er bewegt sich nicht. So sitzen wir eine Dreiviertelstunde aneinandergeklebt und ich bin auf gar nichts anderes mehr fokussiert als diesen Unterschenkel in der leicht glänzenden RAL 5004-farbenen G-Star Raw.
Weil das Azuraugenkind (Uniformwirkung; guilty as charged) glücklicherweise praktisch nebenan wohnt, ist es, auch effizienzbezogen kalkuliert, nahe liegend, den Digestif bei ihm einzunehmen.

Nach einer Flasche Rotwein zum ersten Blabla wird es plötzlich in eigenartigen Abständen hell im Innenhof. Schulter an Schulter postieren wir uns mit einem kleinen Feldstecher am Fenster. Ein weibliches Wesen posiert in einem weissen Seidenbademantel auf dem Balkon gegenüber für einen mit Kamera bewaffneten Mann.

Bitzklick-Klickbitz-Blitzkick! Immer wieder pulsiert die Nacht. Sie lehnt im Türrahmen, die Hüfte lasziv nach vorne reckend, dann, am Geländer stehend, rutscht der Bademantel über die Schultern. Sie catwalkt auf den Holzdielen und lässt das gute Stück zu Boden gleiten. Dann verschwinden sie im Inneren, wo das Geblitze in Bälde stoppt.
Weil sie dringend pinkeln muss.

Deans und meine Flasche ist noch nicht ausgetrunken, als er
«zieh dich aus»

sagt. Was ja per se ein unwiderstehlicher Satz ist.

Ich hatte noch nie Sex in einem Zimmer mit einer Hantelbank als (zudem raumbestimmendem) Möblierungselement und was ich als innendekoratrix‘sches Maximal-No-Go bezeichnet hätte, erweist sich als ausnehmend praktisch. Und äusserst stabil.

Als ich zwei Stunden später meine Unterwäsche in die Tasche stopfe, den Zipper meiner Ponyfellstiefeletten wieder hochziehe und durch die Nacht stöckle, schlägt der Kirchturm halb 3. Dummerweise habe ich schon um neun zum Kaffeetrinken abgemacht.

Weil nicht nur ich an Dean Gefallen gefunden habe, sondern Dean auch an mir, beschliessen wir, das mit dem ‹Daten› zu wiederholen. Und weil wir weiterhin keine Lust haben, zu reden und das mit dem Theater passé ist, lassen wir uns etwas anderes einfallen.

«22.18 Uhr Turnhalle Sihlhölzli, erste Toilette links»
schreibe ich Dean zum Beispiel um halb 9. Er hat sich entsprechend einzufinden.

«17.36 Uhr Kantonsschule Stadelhofen, Musik- und Theaterraum»
rächt er sich ein paar Tage später, worauf ich mit
«01.15 Uhr Zoo Zürich, Parkplatz»

kontere.

Da kommt uns aber ein Security mit einer dicken Lampe in die Quere. Nackt ohne Licht im Wald A8-fahren ist aber auch ziemlich lustig.

Sexspot-Spotting macht Alltagswege in der Stadt zu einem besonderen Erlebnis. Wie klettere ich am besten auf dieses Baugerüst? Wann ist der See so temperiert, dass aufs Badi-Enge-Floss rausgeschwommen werden kann? Wie lange bleibt die S7 im Depot in Hinteroberwinterthur? Wie sind die Kundenströme in den Garderoben der grossen Kaufhäuser? [Special Tipp: Jelmoli Sportabteilung, Samstagmorgen, 9.45 Uhr.]

Auf der Liste meiner All-Time-Best-Of hält
«21.58 Tiefenbrunnen, Männergarderobe.»

einen Podestplatz.

Eine sternenklare Vollmondnacht. Kalt. Zuerst. Weiter vorne der Sprungturm. Dahinter die Lichtlein des linken Seeufers. Wie der Spaziergänger mit dem Hund eingebrochen ist, ist magischähnlich schleierhaft. Die Umkleidekabine. Das Geländer. Die Holzbank. Wären Dean oder ich romantisch veranlagt (oder würden auch gern reden) wäre das der einzige valable Ort für einen Heiratsantrag.

Ein paar Mal später haben Dean ich uns getrennt. Was gut schmeckt, soll nicht ausgelutscht werden, hab ich gesagt und auch hierin waren wir uns ohne grosses Gerede einig.

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Regionallust.

Blog 59, 12 November 2009

[Dieser Text ist auf Wunsch von D. R. aus 8004 Zürich entstanden.]

* * * * * * * *
PROLOG:

But that false fruit
Far other operation first displayed,

Carnal desire inflaming; he on Eve

Began to cast lascivious eyes; she him
As wantonly repaid; in lust they burn:
Till Adam thus ‚gan Eve to dalliance move.

(John Milton. Paradise Lost.)

* * * * * * * *

Die beste Metzgerei liegt leider nicht auf Stadtgebiet, sondern im goldufrigen Küsnacht, wo das Haushaltsetat für die entsprechenden Fleischesgelüste das der Normalverbrauchenden um ein Mehrfaches übersteigt. Wenn man sich derart ungern ausserhalb der Stadtgrenze bewegt, tut auch die Metzgerei am Züriberg höchsten Ansprüchen Genüge.
Seit Wochen stehe ich nun im Dreitagerhythmus in jener Fleischbank und sauge den Duft frisch abgehängter Sauen, Lämmer, Rinder und Kälber in meine Lungen.
Im Moment hat es mir das Bündnerfleisch gerade besonders angetan.

«Sie. Heisst es eigentlich ‹ein Laib› Bündnerfleisch?»
«Wir sagen einfach Bündnerfleisch ‹am Stück›.»
«Aber darf ich ‹ein Laib› Bündnerfleisch sagen?»
«Sie dürfen auch ‹einen Laib› Bündnerfleisch kaufen; ja sogar mehrere.»
«Für’s erste würde mir ‹ein Laib› Bündnerfleisch gerade reichen.»
«Na dann darf ich Ihnen ‹einen Laib› Bündnerfleisch reichen?»
«Hmm. Ich warte mal noch ein wenig.»
«Dann darf’s auch heute nichts anderes sein?»
«Danke, mir steht der Sinn nach ‹einem Laib› Bündnerfleisch.»
«Wild wäre grad brandaktuell.»
«Ich hab keinen Bock auf Hirsch, Mann!»
«Nun denn – bis übermorgen, Frau Tonet. Wollen Sie noch ‹ein Redli Wurst› probieren?»
«N e e e i i n !»

Jedes Mal das gleiche, Scherzkeks.

Bündnerfleisch ist klasse. Nur die allerbesten, allerfrischsten, auserwähltesten Muskelstücke von herrlichen, jungen, potenten Rindchen werden – mit allersorgfältigster Spezialbehandlung – zu festen, harten Leibern verzaubert. Dabei bleibt Bündnerfleisch trotz intensivem Drücken und Pressen zart und saftig, die blutige Flüssigkeit verteilt sich perfekt im Inneren. Ausgereifte Meisterstücke.

Bünd-ner-fleisch.
Zuerst ein Kussmund. Dann ein kehliger-hauchender Laut, bevor die Zunge – ganz kurz nur – die Zähne touchiert, um sich sogleich wieder zurückzuziehen und die Lippen beim «Schhh» erwartungsvoll geöffnet zurückzulassen.

Vierzehn Tage und etwa vier Besuche später.

«Grüäzi. Einen Laib Bündnerfleisch, gerne.»
« Frau Tonet! Aber gern doch – endlich!»
«Tja, gut Ding wollt Weile haben.»
«Welches Stück hätten Sie denn gerne? Das hier?»
«Nö. Ich will das da hinten. Das lange, dicke.»
«Natürlich. Das wären dann 35 Zentimeter.»
«Vitsch bien.»

Nach einer kurzen Fahrt in einem nach billigem Zitrusmix-Tannenbaum stinkenden Taxi sind wir endlich bei mir zuhause. Ganz allein zu zweit.

Als erstes befreie ich das arme Ding von seinem Vakuumkleid.

Wow. Der Laib Bündnerfleisch duftet grandios. Würzig. Herb. Männlich. Und fühlt sich wahnsinnig an. Sorgfältig lasse ich das Ding wieder auf den Tisch gleiten.

So ein Laib kann einfach so dastehen. Oder da liegen. Stundenlang könnt man sich in stiller Kontemplation nach dem Verzehr verzehren. Er ist sich selbst genug.
Beinahe.

Ich rieche am Salz auf meiner Haut. So ein Laib Bündnerfleisch liesse sich auch ablecken, anknabbern, abfotografieren, abhobeln, mit Honigsenf eincremen, zerstückeln, zerhacken, zerfetzen…

Besonders mag ich Bündnerfleisch in grossen Stücken, an denen man – an jedem einzelnen – stundenlang lutschen und rumkauen kann, bis am Ende ein weissliches Fasermuster übrig bleibt, das je nachdem auch ausgespuckt werden kann.

Aufregung. Weiss ich zwar, wo das Abenteuer uns hinführen wird, ist der Weg zum Himmel doch sehr vieltreppig. Ich greife zum Messer und eröffne das Gefecht. Stunden dauert der sinnliche Kampf.

Dann bin ich fertig mit dem Laib Bündnerfleisch. Und er auch.

Da wächst nichts nach. Und auch sonst hat so ein Laib Bündnerfleisch durchaus seine Nachteile. Man wird ihn nicht mehr restfrei los. Nur unter Einsatz von Zahnseide.

Das war der Anfang meiner Tour de Suisse.

Weiter geht es via Waadtländer Saucisson über die St. Galler Brat- bis zum Finale Grande: der Berner Zungenwurst.

Und zwischendurch das eine oder andere Basler Läckerli.

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Männer(körper)welt.

Blog 58, 5. November 2009

Wer mich kennt, weiss: Madame steht auf Uniformen. Ob es mit unserer staatsverbrieften Gewaltentrennung oder mit meiner (prä-inseminierten) Vergangenheit zu tun hat – I neither know nor care. Leider gibt es hierzulande kaum welche von den iLike-Navy-Matröschen. Aber ich versteife mich auch leicht in alle anderen Schutzbefehlenden, die mit ihren grauen, blauen, ja vor allem schwarzen (bloss keine Camouflage!) Berufsgewändern und den rätselhaften Codierungen mittels Streifchen, Bändern, Nudeln, Aufnähern, Ansteckern und womöglich sogar Medaillen diesen immensen Liebeskugeleffekt auf mich ausüben.

Selbstredend, dass ich RSS-Feeds der Medienmitteilungen von Stadt- und Kantonspolizei (aka die potenteren mit den hübscheren Uniformen) abonniert habe und drum nicht nur weiss, wann welche Strasse gerade gesperrt wird, wo Enkeltrickbetrüger Alte ausnehmen oder Dackel in den Flüssen absaufen, sondern auch, dass an der Urania-Hauptwache vor ein paar Monaten eine ‹Fachstelle für Feedbackmanagement› (FBM) institutionalisiert worden ist.

Als unmotorisierte und tagsüber meist gesetzestreue Bürgerin komme ich leider kaum in Konflikt mit dem Staat und in Kontakt mit den netten Herren in der aphrodisierenden Kluft mit ihren schicken  Accessoires. Diesem Glück muss nachgeholfen werden.

Und da konstruktive Kritik immer willkommen ist, verlange ich am Mittwoch kurz vor Mittag am Empfang der Giacometti-Halle die werten Herren des FBM zu sprechen.
Die Stelle beantworte eigentlich primär Briefe, Mails und Telefonanrufe, heisst es. Weil ich aber kein Jota von meinem Plan abweiche, Dienstleistungslevel nun mal Dienstleistungslevel sein soll und es sich bei mir zudem um einen verkappten 20-Minuten-Fuzzi auf Testbesuch handeln könnte, greift die vereidigte Empfangslady zum Hörer und innert sehr effizienter Frist werde ich abgeholt und nach oben geleitet. Dutzende umwerfende Polizisten in grossartigen taubenblauen Jacken mit taubengrauen Baumwoll-Baggie-Pants kreuzen unseren Weg und besamen meinen Hormonhaushalt. Schliesslich streckt mir ein Tom D. [Name aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen geändert] eine schlanke, kräftige Hand hin und fragt nach meinen Wünschen. Wenn der wüsste.

Ich placiere eine formvollendete Reklamation gegen den Imbécile, der meine liebste Bar am letzten Samstagmorgen lärmverklagt hat. Dabei hatte ich mit dem Mann im Pyjama eine ausnehmend nette Diskussion vom kleinen Zugangsweg über die Hecke hinweg zu seinem Zürisackbalkon. Meinem Empfinden nach hatten wir uns auch ohne einen Hausbesuch meinerseits gütlich geeinigt. Und dann alarmiert die linke Sau trotzdem die Schmier und plötzlich stehen vier gottähnliche Gesetzeshüter im Raum, was mich in einen üblen Interessenkonflikt stürzt.

Tom D. notiert mit gerunzelter Stirn brav mit, oder tut zumindest so. Schliesslich schaut er mich seufzend an.

«Und Ihr Anliegen an uns, Frau Tonet?»

Strategiewechsel.

«Ich bin dezidiert der Ansicht, dass die uniformierten Einsatzkräfte in der Stadt total unterdotiert sind. Es braucht eine massive Verstärkung der sichtbaren Präsenz! Gerade für Frauen ist dies eminent wichtig, wegen des …äh, Sicherheitsgefühls.»

Er zieht nun beide Brauen hoch, das Kinn senkt sich Richtung Kehlkopf. Ich setze meine grabredenernste Miene auf und versuche gleichzeitig, mit den Wimpern eine Bach-Fuge zu klimpern.
Als er zur Replik ansetzt, klingelt sein Telefon. Ich erlaube ihm queenelisabethanisch (in der Hoffnung, einen brisanten Fall mitlauschen zu können), mir seine Aufmerksamkeit zu entziehen

Dass Tom D. in Zivil im Büro sitzen muss, grenzt übrigens an eine Frechheit.

«Samstagmorgen passt. Um neun?»
Ein halsbrechender, langhändig geplanter Spezialtruppeneinsatz?

«Nee du, ich geh lieber an die Geräte.»
Geräte? Was für Geräte? Schiesskeller? Auch gut!

«Ausdauer können wir ja noch anhängen.»

Irgendwann begreife ich, dass Tom D. sich grad für einen Workout im Fitnesszentrum verabredet. Im Laufe des Gesprächs wird mir auch klar, wo das Drilldich-Rencontre stattfinden soll. Stadtpolizist Tom D. in Trainingskleidern (mit Firmenlogo!) –  mit Garantie ein adretter Anblick.

Statt am Samstagmorgen um sieben direkt ins Bett zu kippen, trinke ich in einem Kafi einen Cappuccino, überschminke meine Augenringe und putze die Zähne mit einem Zitronenschnitz. Punkt acht Uhr durchschreite ich die Wärmewelle der Globus-Eingangstüre. Ist das ein Fitty? Globus verbinde ich mit Essen und Shoppen, deshalb ist mir hier die Szenerie nicht ganz klar… Die schwarz-dunkelvioletten, very fancy Reebok werden wohl nur einmal meine Füsse zieren, aber egal. Auch ein Handtuch und ein sauberes T-Shirt finden den Weg in meine Tasche. Raus aus dem Konsumtempel. Es bleibt genügend Zeit für einen zweiten und dritten Cappuccino, bevor ich um Viertel vor Neun einen Einzeleintritt in die tomsche Formfabrik löse, wo etwa fünfzehn Durchgeknallten bereits das Salzwasser aus den Poren läuft. Igitt.

Ich positioniere mich strategisch neben der einen oder anderen Oma und vor den zwei Schwulen auf einem dieser ‹Supersusis-machen-hier-biz-auf-easy-peasy-fürs-Gewissen-und-den-been-here-been-seen-Effekt›-Fahrrädern. Damit meine Schuhe nicht brandneu ausschauen, habe ich mir vorhin etwas Salatsauce vom Buffet auf die Kappen geschmiert und einen Kaugummi in die Sohle eingeknetet.

Von hier aus hab ich tollen Ausblick. Als mir gerade ein erster Schweisstropfen auf das Schlüsselbein rinnt (es könnte auch die Restanz eines Bieres, das mir jemand im Verlauf der Nacht angeleert hat, sein), taucht Tom D. auf, begleitet von einem ähnlich muskelsehnigen, hellhaarigen Skaterboy. Vor lauter Gucken vergesse ich zu pedalen.

Wie vorausgeahnt, klettert Tom D. (Blondie wartet, wie man das unter Fight-Club-Buddies so macht, nebenher) bald auf einen dieser Schulter- und Rückenmuskulatur-Trainingsgeräte, eine Art unterstütztes Klimmzug-Dings.

Rauf und runter. Rauf und runter. Rauf und runter. Rauf und Runter. Die straffe Haut unter dem hellgrauen Tanktop ist noch immer leicht gebräunt.

Wow. So eine perfekt geformte Hinteransicht gab’s noch nie. Alles spannt und löst sich; der Latissimus dorsi in harmonischer Antagonie mit dem Teres major!
Wowowow.

Auch die perfekte Kollaboration von Supraspinatus mit Teres minor, Infraspinatus und Subscapularis ist ein einziges Blake-Gedicht.

Ich verliere mich total in diesem Wunder der Natur, mein ‹Fett-Weg-Programm› ist längst abgelaufen und ich trete im Leerlauf weiter.

Plötzlich scheinen sich Toms Muskeln zu verselbständigen, ich sehe nur noch überall Zucken und Senken, seitlich verschwindet was, dafür wächst oben aus dem Schulterblatt etwas anderes hervor, Plipp! rechts, Plopp! links, ein Blähen unten, ein Strecken oben und plötzlich muss ich an Gunter Hagens Lederveston denken und wie er diesen Wahnsinnsrücken abhäutet, die pumpenden, kontrahierenden Muskeln freilegt und nach seinem Präparationswerkzeug greift; weg sind das graue, nassgeschwitzte Shirt und die gebräunte, bläulich tätowierte, weiche Haut, gelbweiss und dunkelrot ist Tom D., eine spasmische Masse, eine einzige blutige, blutende Maschine, die auf-ab-auf-ab-auf-ab-auf-ab…

Ich falle beinahe vom Rad und kotze die drei Kaffee und die schätzungsweise vier Gin Tonic und drei Prosecco halb neben den Behälter für die Papiertüechli, mit denen die Gerätschaften aus Hygienegründen nach Verwendung entkeimt werden müssen.

Ich huste den Rest in den Eimer, wische mir den Mund mit dem Handrücken ab und desinfiziere meine in Mitleidenschaft gezogenen neuen Sneakers.

Schon besser.

Ich sehe mich nach Tom D. um. Er arbeitet mittlerweile weiter vorne an seinen ‹Abdominals›.
Mit genüsslichen Schraubbewegungen.

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PS: wer das schlauste nächste Blogthema/die schrägsexieste Story  inputtet (an dani.tonet ät gmx.ch), wird nächste Woche ins illegale Restaurant ausgeführt.

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