Monatsarchiv: Januar 2010

Hast Du…?

Blog 68, 25. Januar 2010

Am Wochenende hatte ich die Okkasion, Männern beim Pinkeln zu observieren.

In unserem Alter ist man ja nicht mehr gleichermassen openair-affin wie anno dazumal und pinkelnde Männer sind auch nicht per se wahnsinnig interessant zum Zugucken, aber der Rahmen hat gestimmt und so hab ich mir die kleine Feldstudie nicht entgehen lassen. Obwohl betrunkene Pinkler möglicherweise nicht dem State of the Art des Mannken Pis entsprechen.

Was Männer denken mögen, während das gelbe Wässerchen aus ihnen rausläuft, ist schwer zu schätzen.
Auffallend viele schauen schräg nach links in die Luft, im Stil von «bloss nicht hinschauen, sonst pinkel ich mir am Ende ins Auge» (Analogieschluss: beim Dreiradlernen hat man ihnen beigebracht, dass man, wo man hinsteuert, auch hingelangt.) oder von «bloss nicht hinschauen sonst meinen die anderen, ich sei schwul und/oder schwanzverliebt?»
Andere halten das Brünzelwerkzeug mit beiden Händen umklammert und müssen erst noch ganz genau zuschauen. Ein besonders ungünstiger Krümmungswinkel?

Seriöse Recherche. Was meint die Schweizer Mediendatenbank zu ‹männer and pinkeln›?
Für die Kombi gibt’s über einen Zeitraum von vier Jahren 805 778 Dokumente, wovon 219 465 im letzten Jahr. Das Thema beschäftigt also zu Recht.
Unter den Artikeln finden sich Headlines wie
«Schweizer Hooligans pinkeln an lettisches Denkmal»,
«Mann beim Pinkeln zu Tode gestürzt»,
«Unter uns Männern» (jaja, es geht um die elende Sitzstehdiskussion und Röbi Koller),
«Beim Pinkeln brutal niedergeschlagen»,
«Pinkeln an Bord [Rianair],soll kosten»
«Das machen Männer besser»
etc. etc.

Wieso hat das Gepinkels von Männern so viel Gewicht? Ich kann die Jungs, die auch nur annähernd so oft urinieren müssen wie ich, an drei Fingern abzählen.
Dennoch gibt die Kombi ‹frauen and pinkeln› nur halb so viele Hits her, und auch die  Titel sind viel ungleich unprätentiöser: «Mathematisch sauber pinkeln» (auch hier geht’s aber natürlich um die Streuverluste der Stehmännchen), und Nachhaltigkeit: «Brasilianer sollen beim Duschen pinkeln» (ich hab schon mal ausgerechnet, dass, wenn die 380 000 Zürcherinnen und Zürcher morgens beim Duschen in die Wanne pinkeln würden, wir – Moment – 1 900 000 Liter Spülwasser pro Tag (!) sparen könnten).

Nun ja. Meine Pinkelbuben in den Toi Toi-Kleeblättern benehmen sich am frühen Sonntagmorgen jedenfalls total daneben.
Das Waschbecken keine fünf Meter entfernt, denken sie nicht im Traum (resp. Rausch) daran, dass Mann sich dessen bedienen könnte, im Gegenteil, losgelassen, raufgezippt – und glatt vergessen das Ganze.
Vielleicht, weil das Bier, das oben reingelaufen ist, so gleichartig ausgesehen hat und dann hat man ja mit dem Druck auch noch ein wenig Spritzschaumähnliches produziert im kleinen dreieckigen Becken. Oder so.

Auch auf Google spannent es, wenn sich’s um’s Gebrünzel dreht: In einem Forum bleibt folgende Frage aber unbeantwortet:

«Pinkeln Männer nachm Sex anders???
Hallo! Ich weiss, dass das eine etwas komische Frage ist, aber sie interessiert mich brennend. Habe in einem Film gesehen, dass ein Mann beim Pinkeln sagte: ‹Boah ich pinkel als hätte ich die ganze Nacht Sex gehabt.› Gibt’s da wirklich Unterschiede? Wenn ja was für welche? Ich mag meinen Freund irgendwie nicht fragen – komme mir da so blöde vor. =)
Danke schonmal»

Das würde mich übrigens auch interessieren.

Nachdem sich von meinen Probanden aber von 23 rund 17 die Hände ‹danach› nicht gewaschen haben(Drecksäcke!) hab ich ein Männchen, das mir sein Pfötchen ins Höschen stecken wollte, ohne mit der Wimper zu zucken abgewiesen.

Ich habe dringend mal müssen.

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Anfängerinnenfehler

Blog 67, 20. Januar 2010

Sicher allen (Frauen) schon passiert: zum Feierabenddrink verabredet, total verhängt, obwohl man früh ins Bett hat wollen, weitergezogen, rumgetorkelt, jemanden kennengelernt, heim genommen oder heim gegangen und dann plötzlich

«Verdammtundzugenäht!»

erinnert, dass das ganze Beautyprogramm eigentlich auf den Abend anberaumt gewesen wäre, der soeben einen derart andersartigen Ausklangt nimmt, als geplant.

Es bleiben vier Optionen:
a)    sofortiger Übungsabbruch
b)    Pokerface – und durch
c)    im Bad (einfacher, wenn’s das eigene ist) rasch das Versäumte nachholen
d)    die Action in die Dusche verschieben und gegenseitig ganzkörperrasieren (von Männern präferierte Lösung).

Der ‹Normalfall› sieht nämlich insofern ganz anders aus, als dass Frau jeweils – je nachdem am Donnerstag oder Freitag – ein bis zwei Stunden für das Personal Wellnessing abzwacken muss.

Hierbei werden sämtliche ungelaserten Härchen an Augenbrauen, Schienbeinen, Schamdelta und – je nach Grad der Benachteiligung durch Mama Natur – Unterbauch, Zehen und Oberlippe depiliert.

Dazu eine (übertriebene) generelle Körperhygiene, die Extremhaarglanzundglätte-Pflegespülung, drei-phasiges Make-up, Sonntagsunterwäsche, Mani- und Pediküre, Zahnreinigung (inklusive Seide und Gurgeln), Ohrenstäbcheneinsatz und-und-und.

Bei den Viechern dind die Jungs die Herausgeputzten. Degenerierte Rasse, wir.

Und: Das ganze Equipment kostet natürlich ein Vermögen.

Aber ja – da uns das indirekt auch dazu legitimiert, uns einen unüberschaubaren Schatz an Schuhen zuzulegen, ist alles halb so wild. Unser Fundus an Shirts allein ist fantastisch; quer durch die Farbpaletten reicht das Angebot; von weit über eng oder tailliert bis zu bauchfrei (Frühe-90er-Restanzen) oder hüftdeckend geschnitten liegen die Dinger seiden oder kunststoffig, baumwollen und in allen möglichen Kreuzungen auf- und nebeneinander, uni, gestreift, paillettenverbrämt, siebbedruckt etc. etc.

Und natürlich zu allem (oder eben nur zu etwas) passende Röckli, Jäckli, Pullis, Strümpfe undsoweiter. Obendrauf eine überquellende Schmuckschatulle und Zusatzhaken oder Nägel im Badezimmer, wo die diversen Kettchen und Ketten in jeder erdenklichen Länge ihren verdienten Platz finden, liebstens der Länge und dem Regenbogen nach geordnet.

Aber macht Euch keine Sorgen, Jungs: die Unterhaltskosten sinken rapide, sobald wir unter Eurer Haube sind.

Einhergehend leider auch die Frequenz der Haarentfernung.

* * * * * * * *

Geputzt, gekämmt, parfümiert, keimfrei und glattrasiert steigen wir auf die (möglichst transpirationsresistenten) Hacken und lassen die Türen hinter uns ins Schloss fallen.

In der Hoffnung, dass sich der ganze vermaledeite Aufwand auch gelohnt hat.

Und wenn er das nicht tut, haben wir uns wenigstens gut gefühlt. Schliesslich kauft man das ganze Gespitze und Gestrapse auch, respektive in erster Linie, für sich selbst.

Oder so.

Soviel zum Thema ‹Fassade›.

Vor einem potentiellen Nachtvergnügen ist aber eine weit gewichtigere Regel zu beachten: das Essen.
Wer besonders kostengünstig unterwegs sein möchte, lässt den Magen ganz leer, was den positiven Kollateraleffekt hat, dass sich die Wirkung des Alkohols um schätzungsweise Faktor 5 potenziert.

Das kann, wenn die Menge schlecht dosiert wird, übel ins Auge gehen.

Anderes kann unter Umständen übel in die Nase gehen. Currygerichte zum Beispiel verursachen gravierendere Halitosis als Bier.

Insbesondere auch Flatulenzen animierende Lebensmittel sind in der Vorbereitungsphase strikte zu meiden. Dies wiederum kann Auswirkungen auf den Ernährungsplan der ganzen Woche haben. Ab Mittwoch müsste vorzugsweise Verzicht geübt werden auf (nach ABC) Aprikosen, Artischocken, Ballaststoffe generell, Beerenobst, Bohnen, Feigen, Hefe, Hülsenfrüchte (was immer das ist), (zu viel) Kaffee, Kirschen, Knoblauch, Kohlzeugs, Nüsse, Pfirsich, Zwiebeln.

Wäre ja alles noch einigermassen machbar.

Es wird aber grundsätzlich dringlich von süssem und fettigen Food abgeraten. Und – und damit wird’s richtig bitter – von kohlensäurehaltigen Flüssigkeiten. Das tangiert natürlich Bier (mir egal!). Aber Kohlensäure ist auch im Prosecco (mein Tod!). Im Vodka Lemon (ganz schlimm!). Im Vodka Süssmost (recht schlimm!). Im Vodka Soda (nicht so schlimm!). Im Gin Tonic (nicht so schlimm!). Im Cuba Libre (Cola ist Kacke – drum gar nicht schlimm!).

Bliebe Vodka Züriwasser und Vodka Cranberry (gut gegen Blasenentzündung!), wenn nicht (zu viel) Alkohol per se eben auch unerwünschte Magen-Darm-Problemchen verursachen würde (Mission impossible!).

Noch schlimmer ist aber nur eins: dass Lebensmittel offenbar im Körper diffundieren können.

Und zwar bis in die Schleimhäute. Meine Freundin Sammy spricht in diesem Kontext von ihrer «Onion-Pussy».

Lecker.
Oder eben.

Nicht.

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Crossing the Border. Line.

Blog 66, 13. Januar 2010

Luke B. ist der einzige Mensch auf diesem Acker, der im Besitz einer pornoerotischen Detailaufnahme von mir ist, die er nicht selbst gemacht hat.

Wir sind uns auf einer dieser Websites für Alterstrotzende begegnet. Den meist Pein verheissenden Namen zum Trotz lassen da drauf durchaus amüsante Geschichten erleben. Die Perlen sind allerdings dünnst gesät. Mit wem sich lohnt, über sporadisches Tastenklickern hinaus zu wachsen, ist nach spätestens drei Sätzen klar.

Luke B. hat sich in einer Phase hoher Hormonaktivität in mein Leben gechattet. Mit einem hübschen, sechsundzwanzigjähriger Körper. Letztlich wurden mir aber die Augen zum Fallstrick; ein Traum von dunkelblauer Eiszeit in einem perfekt geschnittenen Gesicht.

Gefühlskälte? Oder Gefühlsleere? Ein echtes Gegenüber? Oder nur Schein?

All das hat meinen Ehrgeiz gestachelt. Und meine Nase tropfte schon von smiley-tippenden Barbaren mit einer Präferenz für – zudem meist fehlerhafte – Worthülsen.

Ein Chatroom ist ein fantastisches Experimentierfeld. Unserer Sprachspielvielfalt zum Dank lässt sich jeder Satz in die beliebige Richtung umleiten.

«So, ich geh jetzt was essen.»
«Ich hab auch Hunger. Aber nicht auf Essbares.»

Haha. Plump & simpel.

«Ich hatte einen scheiss-strengen Tag.»
«Da kann ich ganz gute Ablenkungsmittelchen.»

Haha. Plump & simpel.

«Heute haben wir gegen zwei Idioten gepitcht.
«Ich würde mich gern mit Dir messen.»

(Variante B: Irgendwas mit «Dich ausmessen.»)
Haha. Plump & simpel.

«Mein Hamster ist gestorben.»
«Hat er sich totgevögelt? Könnte mir auch passieren.»

Haha. Plump & Simpel.

Mit Luke war das Thema beim ersten Satz gesetzt. Zwischen zwei und drei Uhr morgens haben wir uns die Hände tot geschrieben. Auch Luke wohnt alleine.

Seine Freundin hatte eines schönen Tages, so wie andere «fick mich» bitten, «schlag mich» gesagt. Und so wie auf Ersteres generell entsprechend auf die Aufforderung reagiert wird, hat auch Luke nicht lange überlegt. Und eine faszinierende neue Form der Katharsis gefunden.

Kainsmal Januszeichen. Ein echter Zwilling, eben. Nicht der Letzte von der Sorte, den ich gefunden habe . Und nicht der harmvollste. Aber dazu ein andermal.

Interessant. Sexy. Hypnotisch. Nicht primär, weil ich Prügelfantasien ausnehmend antörnend finde. Ich wollte herauskriegen, wie man seinen Schalter umlegt.
Schatzsuchezeit, Schlüsselfindezeit.

Ich sende Luke ein Foto.

Ein Close-up. Gesicht. Sehr stark geschminkt, Blick leicht schräg unten direkt in die Linse. Ein Sechstel zugekokste Edelhure, vier Fünftel demütige Unschuld, ein Rest trotzige Rebellion.
Um vier Uhr morgens schicke ich das perfekte Bild ab ab.
Die Antwort sehe ich erst am Abend.

[Übersetzt von Berner Mundart.]
«Mhhh. Ich stelle mir grad vor darauf zu spritzen.»

Wir sprechen wir dieselbe Sprache.

Jede Nacht, die er nicht mit ihr verbringt, treffen wir uns um Schlag eins auf Sykpe, meist wird es vier, fünf Uhr morgens. Pläne und Ideen. Er mailt mir ein Bild. Ich sende eins zurück. Visualisierungen.

Ich mag ihn nicht.
Aber wir verstehen uns super.
Zu gut, am Ende. Eines Tages stolpert seine Freundin über einen unseren Chats.

Der Inhalt hat ihr offenbar weniger gut gefallen. Als uns.
Ich wäre möglicherweise auch etwas ungehalten.

«….Luke?»
«Ungut hier. Melde mich vorläufig nicht mehr. Am 27. bei Dir.»
«Hoppla. 27th it is.»

Wieso er ihr das ganze Rumgezicke nicht einfach aus dem Kopf haut?
Denke ich.

«Luke. Morgen?»
«Dani. Scheisse. Wenn Du wüsstest, wie gern ich kommen…»
«Komm!»
«Geht nicht. Melde mich wieder. Irgendwann»

Ähm. Sorry?

Wer hat hier die Hosen an?

Puff! – ist meine ganze Lust am Berner Experiment wie weggeschlagen.

Eine Woche später lerne ich auf Myspace ‹Don› kennen. Der sagt hübsche Sachen wie:
«Daddy ist eine extrem böse, dominante Anwaltssau, die keine Tabus kennt.»

Und:
«Leck das Scheissloch, Du dreckige Nutte»

Aber das ist, wie gesagt, eine andere Geschichte.

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Halbe Sachen.

Blog 62, 6. Januar 2010

Das Hive. Zu guten alten UG-Zeiten noch massangelegte Hippiekacke sind heute die Line-ups oft zwar nach wie vor was vom Schlausten, was die Stadt zu bieten hat. Die Subjekte, die den Grossteil der Wochenendnachtsfüllungen ausmachen, sind leider suboptimal. In den frühen Morgenstunden transformieren Halbwüchsige kotzbetrunkene, nasenschleimhautverkrustete und passivaggressive Proletarierdrohnen die Wabe zum Haifischbecken, einem Fengshui(wurm)loch.

Ich gehe da drum nur noch hin, wenn mein Lieblings-DJ das Vinylwägeli vorfährt und den Mac eintopft.

So an diesem Abend. An dem gemeinerweise meine gesamte Robinson-Crew über andere Lokalitäten verstreut war oder winterfreundliches Gipfelstürmen mit dem Bettdeckengefärtchen vorziehen wollte. Ohne die hohe Aufkreuzwahrscheinlichkeit eines meiner begehrtesten Jagdfangsammelobjekte hätte ich’s vielleicht auch sein lassen. Aber zwei Fliegen auf der gleichen Klebfläche – schlichtweg zu gut, um ungenutzt zu bleiben. Auch wenn Alleinlosziehen als Weibswesen enorm anstrengend sein kann.

Das Set meines Starmixers startet erst um halb vier, in über zwei Stunden. Ich schlängle mich an die Bar, bestelle einen Vodka Shot und rauche drei Zigaretten. Da und dort ein schattenvertrautes Antlitz. Aber um den Jahreswechsel ist Zürich auch ausserhalb der Hände seiner Stammkundschaft, was doppelt blöd ist, denn das Partyangebot wird, disproportional zur Klientel, jährlich vorzüglicher. Kollateralschäden der Aufhebung des Tanzverbots?

Ein knapp zwanzigjähriges Kid kippt aus der Masse neben mich und quäkt:

«Was hast Du da?»
«Lass mal sehen. Ein leeres Shot-Glas auf ein Uhr. Auf halb vier einen vollen Aschenbecher. Auf elf ein Feuerzeug. Und alles auf einem ziemlich klebrigen Stück Bartresen. Und, ach ja, auf drei Uhr ein lieblichlockiges Jesuskind.»

Selbiges reckt sich auf seine vollen 188 Zentimeter, winkt eines der Barchicks daher und knallt einen Gin-Tonic auf halb zehn.

«Merry Weihnachten, Engelchen.»
«Hat sich da Omas Batzen grad verflüssig?»
«Prost!»
«Gesundheit, Jeezie.»
«Krieg ich dafür einen Kuss?»
«Das liebe Kleingedruckte.»

Das Junge ist für etwa fünf Minuten lustig, wird dann aber zunehmend anzüglich und leimig. Als es grad so richtig lästig zu werden droht, zwängt sich ein Kumpane meines Musterjockeys durch die Menge und verschafft sich Platz Gerettet.

«Charlie.»
«Kennen wir uns?»
«Gleich ja. Magst Du den Tag noch zu Nachtzeiten mit einer guten Tat beginnen? Dann erlöse mich von meinem Nachbarn zur Linken.»

Charlie inszeniert sofort ein Begrüssungstamtam und wickelt mich in einen Disput über Astrophysik. Irgendwann stoppt das kidsche Tippen an meinem linken Ellbogen.

«Wo sind sie allesamt; lasch oder anderweitig engagiert?»
«Schande ist‘s.»
«Kaum ein bekanntes Gesicht.»
«Nicht mal meins.»
«Bis vor fünf Minuten zumindest.»

Mein Supershot will nicht auftauchen. Shit.

In den dreieinhalb Stunden, die Charles M. und ich zusammen tanzen, tratschen und trinken, entwickelt sich die Zwangsschicksalsgenossenschaft zur potenziell lebenslangen Freundschaft.

Charlie ist der effizienteste je erlebte Gläserauffüller. Ich bin dankbar um seine Rückendeckung, die von ennet der Stadtgrenze Zugewanderten sind heute noch unguter drauf. Charlie, wenn auch nicht mein Typ, läuft durchaus unter Prädikat ‹very, very nice› und ich überlege, welches meiner Mitsinglemädchen möglicherweise ernsthafter an ihm Gefallen finden könnte. Als mein DJ die letzte Platte gewendet hat, bin ich noch müder als betrunken und verkündige meinen Abgang.
Charlie schliesst sich an.

«Kommst Du mit zu mir?»
«Danke für’s Angebot. Aber ich bin todkao.»
«Bittebittebittebitte.»

Seine postfesttäglichen Kinderaugen verzögern mein definitives Nein und ich biete an, ihn heimzubegleiten, obschon er – wenn auch in unmittelbarer Bienenstockumgebung – in der meiner exakt entgegengesetzter Richtung wohnt.

Eiskalt ist nur der Vorname. Rock im Winter – wie bescheuert muss ich sein? Ich träume von meinem wärmenden Taxi. Nach knapp zehn Marschminuten sind wir an der Turbinenstrasse angelangt.

«So du. Da wären wir. Ich kehr dann wie gesagt mal um. Danke für alle Amusements.»
«Ach komm. Komm doch noch mit rauf!»
«Charliesternamhimmel. Nein.»
«Wieso denn nicht?.»
«Weil Weihnachten vorbei ist. Und es Viertel vor fünf ist. Und ich morgen um zehn raus muss.»

[Was natürlich gelogen ist.]

«Ich sogar schon um halb neun!»
Mist.

«C’mon! Komm doch noch mit.»
«Nein.»
«Wieso denn nicht?»
«Weil ich am Ende bin. Und du musst sogar noch früher raus als ich.»
«Dann gehen wir zu Dir!»
«Wir stehen vor Deiner Haustür und Du willst zu mir? Das ist eine halbe Stadtlänge entfernt.»
«Egal.»

Mann ist der hartnäckig.

«Kommschon, nimm mich mit! Gehen wir zu Dir! Bittebittebitte.»
Halsstarrig.

«Ich will auch keinen Sex. Echt. Nur ein wenig kuscheln.»

Ach.
Wer’s glaubt.

Das… will ich ja mal sehen.

«OK.»
«OK?»
«OK.»
«Echt?»
«Let’s go.»

Dieses Gefeiertage löst bisweilen bizarre Emotionen aus. Fährt dieser Mensch nun wegen knapp zwei Stunden ‹Kuscheln› quer durch die halbe Stadt mit zu mir, da soll noch wer mitkommen.

Im Taxi zieht er mich an sich. Akute Müdigkeitswillenlosigkeit lässt mich sogleich an seiner Schulter wegnicken.

Aneinandergelehnt wanken wir die Treppe hoch, weil der dämliche Lift mal wieder ausgestiegen ist, blockiert von diesem dämlichen Kinderwagen im dritten Stock.

Ich kriege gerade noch gebongt, drei Aspirin einzuwerfen und das Röckli, die Socken und das T-Shirt abzuschälen, bevor ich mit allerletzter Energie im schwarzen Abercrombie-Tank, den Vic’s Secret-Panties und der Fizzen-Lederkrawatte um den Hals unter die Decke krieche und auf halbem Weg zusammenbreche.

Plötzlich ist Charlie neben mir. Sein Körpergeruch lenkt erfolgreich vom Nikotingestank in meinem Haar, von dem mir noch schlechter geworden ist, ab.

Mittlerweile muss es halb sieben geschlagen haben. In einem komaverwandten Delirium kämpfe ich zwischen dem Ansatz von Charlies Schlüssel- und seinem Brustbein gegen den drohenden Erstickungstod. Die Stickstoffnarkose macht gänzlich widerstandsunfähig. Gentleman Charles nutzt die Situation nicht aus, einzig seine Hände müssen irrtümlicherweise unter mein Shirt gerutscht sein.

Er ist hellwach, während ich im Viertelstundentakt vom Tiefschlaf in einen Halbwachzustand falle. In kurzen luziden Zwischenmomenten frage ich mich, was Charlie daran findet, sich an einer nach durchfeierter Nacht stinkenden und mindestens 40 Grad heissen halbtoten Ophelia festzuklammern. Leicht pervers, das.

Irgendwann werden die Vibes eindeutig sexuell, natürlich.

«Daneee! Wir sind hier! Hier! Hier!»
Locken sie.

Meine Hormone.

Ich ignoriere das penetranter werdende Sirenengeflüster und stelle mich schlafend.
Versprochen ist schliesslich versprochen.

Als ich zehn Minuten später gerade sagen will, dass unter dem Buch links irgendwo  Gummis liegen müssen, schellt Charlie’s iPhone.

Also schliesse ich die Augen wieder und höre zu, wie er sich rücksichtsvoll fluchend aus den Daunen schält und in seine Kleider klettert. Minuten später fällt die Tür ins Schloss.

Neun Stunden später tippe ich die Nummer, die von meinem Lieblingsmagneten an der Espressomaschine gehalten wird, über das SMS.

«Honig vergessen stopp bitte abholen stopp»

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