Halbe Sachen.

Blog 62, 6. Januar 2010

Das Hive. Zu guten alten UG-Zeiten noch massangelegte Hippiekacke sind heute die Line-ups oft zwar nach wie vor was vom Schlausten, was die Stadt zu bieten hat. Die Subjekte, die den Grossteil der Wochenendnachtsfüllungen ausmachen, sind leider suboptimal. In den frühen Morgenstunden transformieren Halbwüchsige kotzbetrunkene, nasenschleimhautverkrustete und passivaggressive Proletarierdrohnen die Wabe zum Haifischbecken, einem Fengshui(wurm)loch.

Ich gehe da drum nur noch hin, wenn mein Lieblings-DJ das Vinylwägeli vorfährt und den Mac eintopft.

So an diesem Abend. An dem gemeinerweise meine gesamte Robinson-Crew über andere Lokalitäten verstreut war oder winterfreundliches Gipfelstürmen mit dem Bettdeckengefärtchen vorziehen wollte. Ohne die hohe Aufkreuzwahrscheinlichkeit eines meiner begehrtesten Jagdfangsammelobjekte hätte ich’s vielleicht auch sein lassen. Aber zwei Fliegen auf der gleichen Klebfläche – schlichtweg zu gut, um ungenutzt zu bleiben. Auch wenn Alleinlosziehen als Weibswesen enorm anstrengend sein kann.

Das Set meines Starmixers startet erst um halb vier, in über zwei Stunden. Ich schlängle mich an die Bar, bestelle einen Vodka Shot und rauche drei Zigaretten. Da und dort ein schattenvertrautes Antlitz. Aber um den Jahreswechsel ist Zürich auch ausserhalb der Hände seiner Stammkundschaft, was doppelt blöd ist, denn das Partyangebot wird, disproportional zur Klientel, jährlich vorzüglicher. Kollateralschäden der Aufhebung des Tanzverbots?

Ein knapp zwanzigjähriges Kid kippt aus der Masse neben mich und quäkt:

«Was hast Du da?»
«Lass mal sehen. Ein leeres Shot-Glas auf ein Uhr. Auf halb vier einen vollen Aschenbecher. Auf elf ein Feuerzeug. Und alles auf einem ziemlich klebrigen Stück Bartresen. Und, ach ja, auf drei Uhr ein lieblichlockiges Jesuskind.»

Selbiges reckt sich auf seine vollen 188 Zentimeter, winkt eines der Barchicks daher und knallt einen Gin-Tonic auf halb zehn.

«Merry Weihnachten, Engelchen.»
«Hat sich da Omas Batzen grad verflüssig?»
«Prost!»
«Gesundheit, Jeezie.»
«Krieg ich dafür einen Kuss?»
«Das liebe Kleingedruckte.»

Das Junge ist für etwa fünf Minuten lustig, wird dann aber zunehmend anzüglich und leimig. Als es grad so richtig lästig zu werden droht, zwängt sich ein Kumpane meines Musterjockeys durch die Menge und verschafft sich Platz Gerettet.

«Charlie.»
«Kennen wir uns?»
«Gleich ja. Magst Du den Tag noch zu Nachtzeiten mit einer guten Tat beginnen? Dann erlöse mich von meinem Nachbarn zur Linken.»

Charlie inszeniert sofort ein Begrüssungstamtam und wickelt mich in einen Disput über Astrophysik. Irgendwann stoppt das kidsche Tippen an meinem linken Ellbogen.

«Wo sind sie allesamt; lasch oder anderweitig engagiert?»
«Schande ist‘s.»
«Kaum ein bekanntes Gesicht.»
«Nicht mal meins.»
«Bis vor fünf Minuten zumindest.»

Mein Supershot will nicht auftauchen. Shit.

In den dreieinhalb Stunden, die Charles M. und ich zusammen tanzen, tratschen und trinken, entwickelt sich die Zwangsschicksalsgenossenschaft zur potenziell lebenslangen Freundschaft.

Charlie ist der effizienteste je erlebte Gläserauffüller. Ich bin dankbar um seine Rückendeckung, die von ennet der Stadtgrenze Zugewanderten sind heute noch unguter drauf. Charlie, wenn auch nicht mein Typ, läuft durchaus unter Prädikat ‹very, very nice› und ich überlege, welches meiner Mitsinglemädchen möglicherweise ernsthafter an ihm Gefallen finden könnte. Als mein DJ die letzte Platte gewendet hat, bin ich noch müder als betrunken und verkündige meinen Abgang.
Charlie schliesst sich an.

«Kommst Du mit zu mir?»
«Danke für’s Angebot. Aber ich bin todkao.»
«Bittebittebittebitte.»

Seine postfesttäglichen Kinderaugen verzögern mein definitives Nein und ich biete an, ihn heimzubegleiten, obschon er – wenn auch in unmittelbarer Bienenstockumgebung – in der meiner exakt entgegengesetzter Richtung wohnt.

Eiskalt ist nur der Vorname. Rock im Winter – wie bescheuert muss ich sein? Ich träume von meinem wärmenden Taxi. Nach knapp zehn Marschminuten sind wir an der Turbinenstrasse angelangt.

«So du. Da wären wir. Ich kehr dann wie gesagt mal um. Danke für alle Amusements.»
«Ach komm. Komm doch noch mit rauf!»
«Charliesternamhimmel. Nein.»
«Wieso denn nicht?.»
«Weil Weihnachten vorbei ist. Und es Viertel vor fünf ist. Und ich morgen um zehn raus muss.»

[Was natürlich gelogen ist.]

«Ich sogar schon um halb neun!»
Mist.

«C’mon! Komm doch noch mit.»
«Nein.»
«Wieso denn nicht?»
«Weil ich am Ende bin. Und du musst sogar noch früher raus als ich.»
«Dann gehen wir zu Dir!»
«Wir stehen vor Deiner Haustür und Du willst zu mir? Das ist eine halbe Stadtlänge entfernt.»
«Egal.»

Mann ist der hartnäckig.

«Kommschon, nimm mich mit! Gehen wir zu Dir! Bittebittebitte.»
Halsstarrig.

«Ich will auch keinen Sex. Echt. Nur ein wenig kuscheln.»

Ach.
Wer’s glaubt.

Das… will ich ja mal sehen.

«OK.»
«OK?»
«OK.»
«Echt?»
«Let’s go.»

Dieses Gefeiertage löst bisweilen bizarre Emotionen aus. Fährt dieser Mensch nun wegen knapp zwei Stunden ‹Kuscheln› quer durch die halbe Stadt mit zu mir, da soll noch wer mitkommen.

Im Taxi zieht er mich an sich. Akute Müdigkeitswillenlosigkeit lässt mich sogleich an seiner Schulter wegnicken.

Aneinandergelehnt wanken wir die Treppe hoch, weil der dämliche Lift mal wieder ausgestiegen ist, blockiert von diesem dämlichen Kinderwagen im dritten Stock.

Ich kriege gerade noch gebongt, drei Aspirin einzuwerfen und das Röckli, die Socken und das T-Shirt abzuschälen, bevor ich mit allerletzter Energie im schwarzen Abercrombie-Tank, den Vic’s Secret-Panties und der Fizzen-Lederkrawatte um den Hals unter die Decke krieche und auf halbem Weg zusammenbreche.

Plötzlich ist Charlie neben mir. Sein Körpergeruch lenkt erfolgreich vom Nikotingestank in meinem Haar, von dem mir noch schlechter geworden ist, ab.

Mittlerweile muss es halb sieben geschlagen haben. In einem komaverwandten Delirium kämpfe ich zwischen dem Ansatz von Charlies Schlüssel- und seinem Brustbein gegen den drohenden Erstickungstod. Die Stickstoffnarkose macht gänzlich widerstandsunfähig. Gentleman Charles nutzt die Situation nicht aus, einzig seine Hände müssen irrtümlicherweise unter mein Shirt gerutscht sein.

Er ist hellwach, während ich im Viertelstundentakt vom Tiefschlaf in einen Halbwachzustand falle. In kurzen luziden Zwischenmomenten frage ich mich, was Charlie daran findet, sich an einer nach durchfeierter Nacht stinkenden und mindestens 40 Grad heissen halbtoten Ophelia festzuklammern. Leicht pervers, das.

Irgendwann werden die Vibes eindeutig sexuell, natürlich.

«Daneee! Wir sind hier! Hier! Hier!»
Locken sie.

Meine Hormone.

Ich ignoriere das penetranter werdende Sirenengeflüster und stelle mich schlafend.
Versprochen ist schliesslich versprochen.

Als ich zehn Minuten später gerade sagen will, dass unter dem Buch links irgendwo  Gummis liegen müssen, schellt Charlie’s iPhone.

Also schliesse ich die Augen wieder und höre zu, wie er sich rücksichtsvoll fluchend aus den Daunen schält und in seine Kleider klettert. Minuten später fällt die Tür ins Schloss.

Neun Stunden später tippe ich die Nummer, die von meinem Lieblingsmagneten an der Espressomaschine gehalten wird, über das SMS.

«Honig vergessen stopp bitte abholen stopp»

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Life, Sex, Relaltionships & Stuff

4 Antworten zu “Halbe Sachen.

  1. Queen of Sheba

    Wow. Zürcher Männer sind ja Vollhosen.
    Mein Beileid.

  2. gnoerpf

    Weiss jetzt nicht so recht ob ich den Typen bedauern oder mich als Geschlechtsgenosse über ihn ärgern soll 😦

  3. Bedauern. Eindeutig. Betteln geht ja sowas von gar nicht…

  4. rzeng

    betteln nicht, aber dann dafür jammern, dass man sie nicht kriegt? hm. ja, irgendwie.. betteln geht eigentlich nicht.

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