Monatsarchiv: Juli 2010

Ray Ban Snob.

Blog 81, 20. Juli 2010

Letztes Wochenende hab ich mich zu was total Idiotischem überreden lassen.
Wandern.

Excuse me?

a)    kann ich früh aufstehen auf den Schlaf nicht ausstehen.
b)    ist functional clothing (Wanderschuhe!) total no-go.
c)    sind die Ozonwerte in den Bergen viel zu tief.
d)    verschwitzte alte Leute besichtigen?
e)    rauf und runter ist total ok. Aber ohne 3-D-Kulisse
f)     gibt’s auf ‹Berggasthöfen› keine anständigen Drinks

«Stell Dir mal vor, Du wärst flexibel!»
«Es wird bestimmt
toll!»

Ich hätte es besser wissen sollen.

«Also gut. Unter drei Bedingungen: 1) ich trage keinen Rucksack 2) kein OeV 3) wir starten nicht vor 11 4) es wird nicht gesungen 5) ich hab ganz übel was gut. Bei jedem einzelnen von Euch.»

Um halb zehn muss ich parat stehen.

Wortkarg sitze ich mit spiegelverglasten Augenringen im Silberflitzer. Gutlaunigkeit ist eine Todsünde. Bis mindestens Mittag.

Irgendwann steigen wir irgendwo aus. Es ist neblig.

«Hab ich’s doch gewusst!»

Sie tauschen ihre marineblauen Espadrilles gegen klobige Lederschuhe, hantieren mit Tupperware und Aluminiumklumpen und gebärden sich, als ob sie einen neuen Kontinent kolonialisieren würden. Zwei haben sogar Stöcke dabei. Ich hab mich gestern noch zu einem Kompromiss durchgerungen und was passables gefunden: Sandfarbene Wüstenstiefel von AIGLE, très cool, und sie erinnern mich an die Palladium, mit denen wir mit vierzehn billiges Bier in der Wohlgroth getrunken haben.

Los geht’s! Hurra!

Sie stochern mit Stecken zwischen Steinen, schwätzen ständig, verziehen wird er sich wohl, der Nebel, bestimmt haben sie nur aufs Züri-Wetter auf Radio 24 heut morgen gehört, City Slicker allesamt, was hab ich hier verloren.

Und dann geht’s bergan. Nach 15 Minuten schon.

Sie lieben es. Das Grün des Waldes, das Grau der Kiesel, das Violett vom Geissklee links. Ich hab einen Schlammfleck auf den Aigle.

Endlose 45 Minuten später sind wir auf der Alp. Looch heisst sie, und ein Loch ist’s, ein dreckiges, ein Kuhstall direkt neben der Küche, ja klar, trinkt ihr Milchkaffee, ich nehm zwei Möhl, anders ist’s nicht machbar, und ein drittes und ein viertes auf den Weg, nachdem wir uns beim Bislen allesamt ob der Bildli, die Toni, der Alpwirtbauer, an die Gäste-WC-Wand gepinnt hat, erfreut haben, schnittige Chicks in satinierten Jane-Fonda-Slips und Gummistiefeln, eine Landwirtschaftsmaschinenbau-Pirelli-Verstümmelung.

Toni, ein etablierter Alki, schiebt mir zum Abschied zwei mit Williams gefüllte Schokobomben zwischen die äh, Finger, Sugardaddy du, Loch-Toni von der Grüsel-Alp, wie der Sonntagsblick den Ernstfall betiteln würde.

Dann der Scheiss-Bergrücken. Leistgrat, Leistkamm, Leistwasauchimmer, Last ist das, eine, aber richtig, Leidensgrad, da nützen auch die Gedanken an Dominiks schön geschwungene Leistengegend nur ganz kurzfristig.

Ach ja, hab ich schon gesagt, dass es neblig war? Neblig und etwa 12° – und jetzt gerade Zeit für meinen dritten Cappuccino und die NZZ am Sonntag von irgendwem ans Bett gebracht? Stattdessen noch mehr Dreck auf den Aigle, drei total unnütze Kühe mitten auf dem Pfad und die anderen immer noch total übermotiviert.

«Wisst ihr was? Ihr könnt alleine da rauf. Ich geh zurück auf die Loch-Alp, zum Grüsel-Toni und seinem Porno-WC.»

Und das mach ich dann auch. Während kurzer Nebelpausen seh ich sie noch am Hang irgendwo, die leuchtrote Windjacke von Sylvie, Mikis hellblaue [!], atmungsaktive und schmutzabweisende Trekking[!]-Hose.
Dann verschluckt sie der verhangene Himmel.

Von Anni ist nichts zu sehen und Toni freut sich, dass ich zurück bin. Nix Sonntagspresse hier, natürlich, stattdessen trinke ich zwei Kafi Looch, und er textet mich voll, bis ich die Locken aus dem Gesicht streiche und er die weissen Kopfhörer entdeckt. Dann ist Ruhe, endlich, und ich falle in einen möhligen Dämmerschlaf.

Das ist mein fünfter (sechster?) Schümlipflümli. Porno-WC-Toni weibelt fleissig zwischen Stallküche und Terrasse hin- und her, ich bin sein Platin-Kunde, sein goldenes Kalb.

Eineinhalb Stunden später sind sie zurück, die Gipfelstürmer von der Hardcorefront. Mit kalten Nasen, Sandwichkrümeln in Pedros Bart und bis an die Knie verdreckten Hosen. Und einem glücksähnlichen Grinsen zwischen roten Bäckchen. Wie süss.

Den ‹Abstieg› find ich dann ungeahnt witzig, besonders das Rutschen der Wüstenstiefelchen auf dem feuchten Gestein, Hoppla!hie, Hoppla!da und ich sitze auf meinem brandneuen ACNE-Hosenboden und Sylvie hält eine Wasserflasche in der Befehlshand.

«Austrinken.»

Sehr lustig, das alles, inspirierend, beschwingend.

Eine Gruppe kommt uns entgegen. Drei Pärli bestimmt und sicher keine Flachländer. Karohemmli, beige Multifunktionshosen mit Beinabnahme. Stramme Wadeln, die Damen, leicht behaart. Hicks!

Mit einem Fundstück in der Luft dirigierend versperre ich ihnen den Weg.

«Herrliche Berge, wonnige Höhepunkte, Bergvaganoven seid Ihr, ja Ihr!»

Keine Reaktion.
«Und jetzt Alle: Herrliche Berge…»

Sie drängen sich vorbei und mich vom Weg ab.
«Typisch Züri-Chick.»

«Was hast Du gesagt?»
Ich bin möglicherweise ziemlich laut.

«Ja! Wahr ist‘s! Ich bin ein verdammter Ray-Ban-Hiker! Und geh nur dein Alphorn reiten; Käseplättli-Fresser!»

Miki hält meinen erhobenen Arm fest und nimmt mir den Stecken weg.

Sie hätten es besser wissen sollen.

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Gewagtes Sprüngli.

Blog 81, 12. Juli 2010

Nach einem ausgedehnten Rückzug von der Stadthitze (die Gemeinde Klosters kann per sofort von der Karte gestrichen werden) habe ich zu Hause einen Brief im Kasten liegen gehabt.

«Brauche dringend Deine Hilfe. Love, Leslie.»

Meines Vaters Schwester. Hat total einen an der Waffel. Seufzend rufe ich zurück.

«Was denn los im Staate Dänemark?»
«Ich will jetzt ins Online-Dating einsteigen.»
«Ins Oneline-Dating-Business?»
«Nein, natürlich ins Online-Dating-Dating.»
«Und François?»
«Was soll mit François sein?»
«Was mit Deinem [zweiten] Mann sein soll?»
«Nun, der lebt ja auch nicht ewig.»

Bestechend.

«Hast Du Dir endlich einen Computer gekauft?»
«Natürlich nicht!»
«Wie stellst Du Dir das Online-Dating-Dating denn vor?»
«Eben, deshalb rufst Du mich ja an.»

Wie Recht sie doch hat.

«In plain text: Ich soll für Dich nicht nur einen Online-Dating-Dating-Account einrichten, sondern den auch grad noch bewirtschaften und Dir per Fax oder Telefon rapportieren?»

«Natürlich nicht per Fax!»
«Sicher. François lebt ja noch.»
«Zwei mal die Woche, schätze ich?»
«Mindestens.»

Perfect Shit. Drei Tage später hab ich einen neuen Brief von Auntie Les im Kasten. Mitsamt Bildli im dekolletierten silberschwarzen Oberteil mit Spitzenbesatz, Hochsteckfrisur und professionell entfernten Altersflecken. ‹Rohrspatz› hat sie sich als Alias ausgerechnet ausgesucht. Auf ‹Nachtigall› beharrt sie dann aber hartnäckig.

Zum Glück gibt’s in der Alterskategorie weit weniger Aktive als in meiner. Im Dreitagestakt meldet der Messenger hin und her, wer wie was gewollt hat, und ich nehme die gnädigen Antworten entgegen. ‹Sergio57› und ‹HotMaxx› darf ich nach kürzester Zeit ihre Mobilnummer angeben.

Mit den Perverslingen in ihren frühen Post-Teenie-Jahren, den Omafickern treib ich meine privaten Spässchen.

Am Samstagnachmittag surf ich mich aus lauter Langeweile quer durch meine eigene Peer-Group. Die Jungs werden sich wundern ob der alten Schachtel, die in ihren intimen Daten rumspioniert hat. Das mit dem Anstupsen und Zuzwinkern lass ich aber sein.

Nach Kandidat 223 (von über 500) hab ich die Nase voll.

Eine Woche später eine üble Überraschung.

Gio.
Was zum Teufel macht der hier?

«Offen für Abenteuer.»
Was zum Teufel will der – von meiner Tante Leslie?

Hier Mitglied seit zweieinhalb Monaten.
Und seit dreieinhalb Jahren (theoretisch zumindest) ‹vergeben›.
An Siena. Die 21jährige Schwester von Dave.
Einem meiner besten Freunde.

Sein Mail an Tantchen ist ziemlich explizit. Leslie hätte heisse Öhrchen.
Na dann bringen wir die beiden doch zusammen.

Es gibt nur einen Ort.

Gio beisst sofort an.

Vier Tage später. Nach ein wenig Negligé-Naschen im Grieder rufe ich Leslie an.

«Bin in 10 Minuten da.»
«Ich habe unseren Stammplatz an der Bar reserviert.»

Auftritt Gio auf dem Velo heranfahrend.
Abtritt Gio ins Innere.
Ob er sich freuen wird ob meiner kleinen Interruption?

Vielleicht bring ich ja ein paar Luxemburgerli mit.

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