Ich habe ihn geliebt. Echt.

Blog 87, 12. November 2010

«Hallo Dani. Lange nicht gesehen. Ich komm eben aus den Ferien zurück. Stellen wir mal wieder was an? LG, Philippe.»

Wieder? Und wer zum -† ist Philippe?

Nach einem halben Tag Memory-Mühe, fällt mir ein drittklassiges Dates mit einem Zappel (war das im August?) ein. Nach zweieinhalb Campari Soda im Si o No war ich schwer davon ausgegangen, dass man sich bezüglich des gegenseitigen Attraktionsgrad einig sei. Offenbar doch nicht. Zweite Chance? Nicht bei mir.

Vier Tage später meldet sich ein jahrlang Vergessener mit zweideutigen Ideen. Und jäh verstehe ich, warum: In weniger als vierzehn Monaten geht die Welt unter. Und es spätherbstet.
Und wie Rilke räsonierte:
«Wer jetzt allein ist, der wird es lange bleiben.»

Nestwärmeschreie.

Gott, das ist alles so billig. Meines Empfindens dürfte sich der Sommer auf die Möglichkeit reduzieren, permanent High Heels tragen zu können. Mit dem Gehitze kann ich überhaupt nichts anfangen. Entgegen der Meinung der Masse, die lieber piepmatzmässig im Zweiernest überwintert, steigt bei mir mit sinkenden Temperaturen die polyorientierte Experimentierfreude.

Da Empathie aber vom Pöbel als massgebendes Element sozialer Verträglichkeit gewertet wird, bitte ich Alexis, sich für ein Vabanque zur Verfügung zu stellen: ‹Lex & Dani – sie liebten sich für eine Woche›. Er willigt so sofort ein, dass ich einen Moment seine Motivation hinterfrage.

An einem bierseligen Abend disputieren wir die Modalitäten. Beziehung. Heiligesch. Wie geht das schon wieder?

«Ich nehme an, wir wohnen zusammen?»
Und schon haben wir es. Dieses… Wort.
‹Wir›.

«Puuh. Muss das sein?»
«Come-on, Mädchen. All in. Oder fold.»
«D‘accord. Aber ‹wir› wohnen, wennschon, bei mir. Vom Muster deines Aalto wird mir schlecht.»
«Ganz schön kompliziert, das Du.»
«Anspruchsvoll, das Ich. Und Du hast gerade für die volle Ladung Scheisse votiert.»
«Eine gemeinsame Wohnung definiert sich gemeinhin durch Einrichtungskompromisse.»

Seufz.

«Bon. Du darfst den Weinbestand auffüllen!»
«Der TV kommt mit.»
«Das Teil kommt so was von nicht mit! Dafür der Vitra-Sessel, der kann dann bleiben, wenn wir uns trennen. Und der schwarze Shaggy-Teppich.»
« Wozu dein Lieblingswieschen? Hat man in Beziehungen nicht ohnehin keinen Sex?»
«Auch wahr. Aber Du sollst Dich ja schon ein wenig zuhause fühlen bei ‹uns›.»
«Der TV kommt mit.»
«Okay. Aber bei ‹uns› herrscht striktes Fussballverbot.»
«Wo bleibt die Toleranz, Daniherz?»
«‹Nathan der Weise› hab ich längst gelesen. Liebling.»

Wird wohl eine lange Woche.

Samstagnachmittag. Zwei kopfschüttelnde Kollegen helfen ihm, den Teppich, vier Kisten, eine Sporttasche und eine grässliche Zimmerpflanze (dazu da, mich zu ärgern) zu zügeln. Sie trinken Bier, während ich gestresst und zickig tue, wie sich das gehört und das dämliche Nespressodings im Keller verstecke.

Zum Glück muss Lex gleich weiter, Hochzeitsparty der Schwester seiner Ex (gibt ja Frauen, die ihre Verflossenen als Antisingle-Schutzschild buchen) und wird am Brienzer-, Thuner- oder Woimmersee nächtigen. Unser Reich ist also mein.

Als ich am Sonntag gegen sieben heimkomme, ist er schon da.
«Was gibt’s denn zu essen, Herzchen?»,
fragt er süffisant.

«Rohes Fleisch»,
falle ich ihm frischverliebtenähnlich um den Hals und amüsiere mich ob seines konsternierten Gesichtsausdrucks.

Danach verquatschen wir mit zwei Château Lascombes 03 in die Puppen, bis das Theater per gemeinsames Zähneputzen einen romantischen Exitus findet. Gar nicht so schlecht, das Arrangement.

Als ich am Montag heimkomme, läuft die verdammte Kiste. Lex schläft auf dem Sofa. Ich stupse die dreiviertelleere Bierflasche mit der Fussspitze an und beobachte das Versickern des Goldbraun im Shaggy. Wäre es uncharmant, ihn hier liegen zu lassen?

Ich weiss nicht, ob ihn das Klavierkonzert (Rachmaninoff, Nr. 2, Op.18) weckt oder dass ich auf seinem Brustkasten knie.
«Hola Principessa. Oje. Dieses Glitzern in den Augen kenne ich.»

«Partytime»,
flüstere ich.

Dienstag sind wir beide nicht zu Hause und Mittwoch übernachte ich woanders. An die Doppelkiste könnte ich mich glatt gewöhnen.

Wird er vermissen, dass ich drei bis fünf Mal täglich anrufe?
«Schatz
[ein Wort mit Todesstrafpotenzial] ich stehe gerade im Globus, brauchen ‹wir› noch was?»
oder
«Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist, ich war im Odeon…»,

oder
«Jetzt hat Charles angerufen, bei Brunello…»,

… und dann ein end- und belangloses Gebabbel über Alltäglichkeiten. Part of the Game.

Er revanchiert sich mit grandiosen SMS und halbseitigen e-Mails, in denen er mich ‹Zuckerleck› und ‹Shaggybangy› nennt. Ich wappne mich für den Gegenschlag auf http://kosenamen.sradonia.net.

Den Donnerstag opfern wir einem Duett nach Drehbuch. Gemeinsames Kochen (heisst: ich trinke Martini und unterstütze den Entstehungsprozess seines Tartars aus salzweissem Krabbenfleisch mit Aphorismen und Limericks), gefolgt von gemeinsamem DVD-gucken (Cold Souls), bei dem unsere Füsse gemeinsam einen Hocker teilen und wir abwechselnd gemeinsam Mandeln im Honig- und Schokomantel von Fine Food in den Topf unserer gemeinsamen Zimmerpflanze spicken. Einer meiner Zigarettenstummel landet blöderweise auf dem gemeinsamen Teppich.

Danach entschuldige ich mich mit Kopfschmerzen ins Bett. Hehe. Willkommen im real life, Baby. Es besteht auf gemeinsamer Kissennutzung, kuriose Ersatzehepflichthandlung.

Freitag sind wir physisch getrennt, aber durch einen intensiven SMS-Dialog verbunden unterwegs, kommen synchron kurz nach vier schon heim und runden den Abend mit Goslings Black Seal ab.

Samstagnachmittag. Einkaufen im Jelmoli. Hurra Pärchenfete! Sonja kommt mit Florian und Michael (mein Beuteschema!) mit irgend einer Doris. Es gibt scharfe Kürbis-Orangensuppe mit irgendwas, Marronirisotto (wegen Irgendeinervegidoris) und Zabaglione mit Dahlienblüten. Ich suche den Champagner aus.

Lex macht sich als perfekter Gastgeber auch fantastisch als Pärchenhälfte. Kost mich konstant (mündlich und manuell), und überhaupt stehen wir den anderen in nichts nach (den Kurzdisput zwischen Dore und Michi – «Jetzt iss doch nicht immer so schnell» – quittiere ich mit empathischem Verachtungsblick). Vom obligaten Müntschi nach dem ‹Anstossen› bin ich Extremfan. Wir wiederholen es bis zum Exzess.

«Prost, Schatz.»
«Prost, mein Gummihäschen.»
«Prost, mein Utzibutzi.»
«Prost, mein Apfelpopöchen.»
«Prost, mein Suppihuppi.»

Vier Stunden später.
«Jungs,Mädels! Wohin geht’s weiter?»

Man tauscht Blicke. Flo und Michi unterdrücken Interesse.
«Nun, denke, wir verabschieden uns sonst langsam.»

Au ja, hinfort mit Euch!

Ich hindere Alexis am Abwaschen, und wir ziehen los. Im Sherif starten wir mit dem Begiessen der tristen Tatsachen. Nach fünf bis acht weiteren Stopps muss ich heim. Das Intensivmischtrinken schreit nach Alka Seltzer-Ponstan-Cocktail.
Alexis will in seine Jacke schlüpfen.

«Bleib mal schön hier, Texlex. Nix mit Co-Abhängigkeitszeugs.»

Er instruiert den Taxifahrer. Der Muff im Fonds unterstützt meinen Brechreiz.

Als ich das nächste Mal aufwache, riecht es nach Kaffee und butterüberdosierten Eiern. Lex placiert einen offenbar frisch gepressten Saft auf dem Tischchen neben mir. Ich bin ehrlich gerührt.

«Aber ich hab doch gar keine Saftpresse.»
«Du bist sowieso der Antichrist unter den Martha Stewarts.»
«Aber Du liebst mich trotzdem.»
«Deswegen.»
«Wie lang bist Du schon hier?»

Blick entlang seinen Augenringen.
«Willkommen daheim, Säfteheld. »

Er löffelt sein Ei im Olivenölbad. Proteintankstelle.
«Wenn Du geglaubt hast, es sei Schlafenszeit, hast Du Dich getäuscht.»

Um fünf wachen wir auf.

«So Schatz. Time to go home.»

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Eingeordnet unter Life, Sex, Relaltionships & Stuff

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