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Nein Danke.

Blog 80, 25 Juni 2010

Wünsche haben wir ja alle. Was der einen die Doppelgarage ist dem anderen die Job-Offer aus Boston, die brünette Slowenin aus der Sonne im Donnerstags-Abo, die Herabsetzung der Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Rückkehr der Gesundheit, das iPad ohne Fettfingerabdrücke, ein zweiter String zur sternhimmeldunklen Kombi von Agent Provocateur, Frieden für den nahen Osten (inklusive Nordkorea), weniger Verlust bei Börseleien mit Devisen und so weiter und so fort. Und dann sind da auch all die ureingepflanzten, in die Wiegen geleerten, in Form von kleinen Kapitänen, Primaballerinas, Lokführern, Kinderärzten, Tierärztinnen, berühmten, singenden (natürlich!) Schauspielerinnen und Sexgurus.

Und dann gibt’s da noch das mühevoll nur gehauchte ‹Jaaaaaaaaaaaaa!!!› im schwanweissen Hochzeitskleidli. Hier löst mit zwanzig ein eher lordoftheringy-ish schlicht direkt unterhalb der Brust gen Boden gleitendes Gewand das 25-Meter-Tüll-Mary-Poppins-Petticoat ab, das so blöd dicke Waden macht. Aber auch dies gehört zum Prozess, das jahrelange Window-Shopping bei Pro Nuptia & Co, wo man das ganz links dem zweiten von rechts vorziehen würde, wenn’s denn jemals so weit kommen wird, worüber natürlich keine Zweifel bestehen.

Dabei sind wir (weiblich, ledig, ü30) innerhalb der vergangenen zwölf Jahre mit höchster Wahrscheinlichkeit schon einmal vor die Entscheidung gestellt worden, die unser ganzes Leben verändert – und, da wir immer noch da sind, offenbar verdorben – hätte. Bei dem Antrag (umgeben von der lächelnden Wärme eines südthailändischen Sandstrandes, an einem dieser späten Nachmittage, an denen man nicht recht weiss, was noch mit sich anstellen, das war noch vor den Smartphones) ist er zum Glück nicht auf die Knie gegangen, sonst hätten etwa eineinhalb Tausend Menschen das ‹Nein› bezeugen können.

«Willst Du mich heiraten?»
… an den exakten Wortlaut erinnere ich mich nicht, aber so viele Spielarten gibt’s bei dem Game ja nicht.
«Nein Danke,»
hab ich nicht gut sagen können, sonst wär er in der Nacht nicht mehr in mein Bett gekommen, aber das war doch in etwa die Quintessenz meiner Replik auf die leidige Sache, und wir haben den Gegenstand dann auch ruhen gelassen, erst beim Schlussmachen hat er sie aufgetaut, die Schmach, ich hatte es schon gänzlich vergessen.
Hab ich damit meine einzige Chance vertan?

In den letzten Jahren, wo alles sich bandelt und bindet, schwengelt und schwängert, ist er – unter Frauen – ein grosses Thema, ‹der Antrag›, Passepartout in den Hafen.
«Und, hat ER Dich gefragt?»
(…so, wie sich das gehört, IM FALL!!)
Und auf die richtige Antwort folgt dann das
«Jöööö, so herzig!»

Was anderes ist gar nicht vorgesehen in der Szenerie.

Da gibt’s die, die beim Güselrausbringen total casual ‹darüber› reden, neben denen, die schwanger werden und sich absichern müssen und denen mit den so richtig ‹kreativen› Anträgen mit Pomp und Gloria, dem Ring, der im Sushi vorbeifährt, der Rosenblütenschrift im Badezimmer und all den romantischen Mätzchen, bei denen mir so gern die Kotze aus den Ohren rinnt.

http://www.heiratsantrag.ch ist ein wunderbarer Tipp für Männer mit Fantasietotgeburten.
Von den Top-Ten ist wirklich keiner abschlagbar, wahnsinnig gemäss meinem Gusto.

N° 1: Der Heiratsantrag mit einem Flugzeug: «Ihr(e) Liebste(r) fliegt gerne in einem kleinen Flugzeug; vielleicht auch in einem Doppeldecker? Überraschen Sie ihn/sie mit einem Ausflug an den Flugplatz!»
Unglaublich, nicht?

N° 2: Dasselbe im Heissluftballon .
Aber kostenoptimierter.

N° 3, der Blumen-Klassiker, sehr originell: «Welche Frau hat nicht gerne Blumen? Sie gehen in ein Blumengeschäft, welches Sie gut kennen, oder bei dem Sie bereits schöne Sträusse bekommen haben. Sie bestellen einen Blumenstrauss der besonderen [!] Art, rote Rosen [sic!], weisse Callas, Orchideen oder Sonnenblumen [was’n das?]. Je nach Jahreszeit oder Lieblingsblume der Freundin wird die Blumenwahl angepasst. [krass.]
Zu Hause haben Sie bereits verschiedene Kärtchen, bzw. schön geformte Herzblättchen [sic!!!] vorbereitet, auf denen allerlei über Sie und Ihre Beziehung steht. Die ersten Ausflüge, die lieben Gedanken, zusammen erlebte Geschichten. Ein Kärtchen hebt sich vielleicht [!] durch eine andere Form oder eine andere Farbe ab. Auf diesem Kärtchen steht die entscheidende Frage. Alle Kärtchen werden in den Strauss verarbeitet, fragen Sie die Floristin, ob Sie Ihnen bei Ihrem Heiratsantrag behilflich ist, und Sie die Kärtchen in den Strauss einbinden kann. Wir sind uns sicher, Ihre Freundin wird nichts mehr sagen können ausser: JA.»
Genau! Jaaaa! Ich kommeeeeeeeeeee!!

Der Fantasie sind wirklich keine Grenzen gesetzt (dem guten Geschmack leider auch nicht). Helikopter, Limousine, im Ausland, in den Bergen, auf einer Wiese, im Wasser – die Frage scheint überall hinzupassen, ja hinzugehören.

Unter der Rubrik ‹verrückt› finden sich Anträge auf dem Gletscher (awesome!), bei einem Fallschirmsprung (uiuiui!), oder sogar im Zoo (läck du mir!). Etwas weniger anstrengend ist’s bei ‹Kurz & Schmerzlos›, da wird der Spiegel im Bad bekritzelt oder ein Post-it an den Kühlschrank gepappt. Wer wäre ohne Hilfe auf die Idee gekommen, ein Dinner ohne Salz zu kochen und im (fast leeren) Salzstreuer einen Zettel «Du bist das lebensnotwendige Salz in meiner Suppe,willst Du…»?
Brillant!

Hat’s jemand noch besser gekonnt? Bitte melden an dani.tonet(at)gmx.ch.
Die beste Idee wird von mir persönlich prämiert.
Mit einer Flasche Champagner.

Oder einem ‹Ja!›.

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Ménage à Trois.

Blog 64, 15. Dezember 2009

Silke (ja, sie ist Deutsche), genannt ‹Silly› und Roger sind eines von den Pärchen, die quasi zusammen sind, seit sie denken können. Beide im neunundzwanzigsten Altersjahr, gut gebildet, die obligatorischen Mini-Schlenker im CV (aber alles halb so wild) und gut positioniert, haben sie die letzten zehn Jahre ihres Lebens getreulich geteilt, mit einem einzigen viermonatigen Unterbruch im Jahr 2005, während dem Roger mit zwei und Silly mit einem ‹Andern› was hatte. Bei ihr war’s erst der vierte überhaupt.

Ansonsten waren sie sich treu wie Bohnenblust, wessen ich mir sicher bin, weil es mir beide einzeln im Zustand totaler Trunkenheit erzählt haben.

Seit mehr als drei Jahren wird eine hübsche Wohnung im Universitätsquartier bewohnt; sie streckt sich drei Mal wöchentlich im Yoga, er liest Economist oder macht sonstwas und in einer hübschen Regelmässigkeit werden wir Freunde zu fantastischen Abendbrötern geladen.

Und noch immer gibt es das eine oder andere Post-it oder Schöggeli, das man dem anderen am Morgen oder späten Abend in den Weg legt oder klebt. Also alles perfekt.

Ausser beim Sex.

Auch da ‹läuft‘s› zwar an sich leidlich, dass nichts läuft. Oder nicht oft. Oder nicht oft genug. Für Roger zumindest. Silly ist nämlich grad, also, seit etwa dreizehn Monaten, in einer asexuellen Phase. Hat einfach keine Lust. Netterweise nicht nur auf Roger, sondern irgendwie einfach gar nicht (nur ab und an in der Dusche).

Roger findet das zwar nicht wahnsinnig tragisch, aber auch nicht extrem lustig. Und Silly schämt sich manchmal, wenn sie extra erst ins Bett geht, wenn er schon mehr als halb schläft oder am Sonntagmorgen (dem Sexklassikertag) aus den Daunen schlüpft, sobald sie wach ist.

Auch Silly hinterfragt manchmal ihr eigenartiges Verhalten, da ihr aber nichts fehlt, hat sie eher das schleichend schlechte Gewissen, Rogers Ansprüchen als Frau nicht zu genügen, resp. ihren ‹eheähnlichen Pflichten› nicht gebührend nachzukommen.

Dann kommt Roger– über die näheren Umstände ist nichts bekannt – das (durchaus empfehlenswerte) Werk von Barbara Lukesch; ‹Herr Heer, was ist guter Sex?› zwischen die Finger.

Dieses beantwortet auch die Frage, die sich in den allermeisten Langfristverbindungen früher oder später stellt. Nämlich, ob das Sexleben, wenn’s denn unter aller Sau ist, halt geplant werden muss.

Dies als Ideenknochen vorgehalten kriegen, löst generell spontane Ablehnung aus. Geplanter Sex? – wie öde, unromantisch, unerotisch, unspontan, desperate etc!

Papst Heer sieht’s offenbar anders. Er behauptet, dass letztlich alles, worauf wir uns freuen, vorausgeplant wird. Die Ferien: Monate zuvor gebucht. Der Kinobesuch jeden ersten Montag im Monat: fix auf dem Programm. Das Wochenfondue im Winter: der Klassiker. Der Morgen ohne Sonntagszopf: unvorstellbar.
Auch ‹unanständige› Tätigkeiten werden liebend gern vorab fixiert;: wenn sich (üblicherweise) ein Mann mit einer Nutte (oder einer unbezahlten Fremdgehhilfe) vergnügt, ist das ein Date; ein Rendezvous in einem Hotel, einem Auto, einer fremden Wohnung, irgendwo. Und das Versprechen schärft die Vorfreude womöglich während Tagen oder sogar Wochen.

Wieso sich also nicht vom Mittwochabend mit dem eigenen Partner verlocken lassen?

Das leuchtet Roger ein. Und weil er seine Silly so gern hat, organisiert er ein Hotelzimmer für die ‹Startsitzung›. Dort will er sie zuerst nach allen ihm bekannten Regeln der Kunst – und dann vorschlagen, dass dies nun immer so gemacht werde, mit der Option auf mehr, natürlich.

Zufällig kann er sich noch erinnern, dass sie vor acht Wochen menstruiert hat (dummerweise genau als sie das Wochenende in den Bergen verbrachten), rechnet er sicherheitshalber etwas Zeit zu und bucht ein Zimmer in einem Boutique-Hotel (eines dieser ‹Romantic Fuck Spots› schien ihm dann doch zu viel des Guten).

Am Abend kündigt er zu Hause an, dass eine Überraschung anstehe und sie für den Anlass nur ‹das Nötigste› einpacken müsse.

Silly lächelt verführerisch und lässt einen verheissungsvollen Nachsatz verlauten.

«Hmmm… vielleicht sind wir dann ja zu Dritt…»

Nun ist bei Roger Feuer im Dach – resp. im Schritt. Natürlich weiss Silly, dass ein ‹Flotter Dreier› zu seinen allerallerliebsten Lieblingsfantasien gehört. Und nun würde sie ihm genau das…? Seine Supersilly!

Zwar ein wenig frigide im Moment, aber eigentlich ja immer schon ein experimentierfreudiges, aufgeschlossenes Weibsstück!

Roger kann kaum mehr klar denken. Im Internet informiert er sich eingehend, was ein Mann denn mit zwei Frauen auf’s Mal alles anstellen kann, soll und muss. Auf Youporn wird er fündig, aber auch sonst verbirgt sich hinter ‹Dreier›, ‹ménage à trois›, ‹threesome›, ‹trycicle›, ‹guy fucking two chicks› etc. allerlei Lernens- und Wissenswürdiges.

Tag X.

Roger hat – aufgrund der veränderten Umstände – darauf verzichtet, Rosenblätter oder Artverwandtes auszustreuen, sondern vielmehr drei Flaschen Champagner auf Eis und ausreichend Gummis in Bettnähe postiert.

Letzte Woche war er zudem im Erotikmarkt in Volketswil, wo er sich umfassend mit Material eingedeckt hat. Diese Utensilien stehen nun in einer grossen, weissglänzenden Box mit einer dunkelvioletten Seidenschlaufe auf dem Bett.

Bei PKZ hat er sich zudem einen anthrazitfarbenen Seidebademantel gekauft, den er, um nicht so ‹angezogen› zu sein, bereits montiert hat.

Punkt halb neun klopft’s.

Silly steht in der Tür, die rötlichen Locken frisch gewaschen, in einer festlich-weissen Bluse und der schwarze Costume-Hose schlüpft sie durch die Tür.

Und schliesst diese hinter sich.

Roger ist leicht irritiert.

Und ist versucht, die Tür wieder zu öffnen und den Gang runter zu spähen.

Natürlich, sie kommt etwas später.

Begrüssungskuss.

Roger köpft einen Champagner.

«Wie süss von Dir, Rog! Bitte nur einen Schluck.»

Roger ist leicht irritiert.

Sie ist wohl etwas nervös.

Silly guckt ihn erwartungsvoll an.

Er guckt erwartungsvoll zurück.

Leicht irritiert.

«Und?»

Roger kann nicht viel mit dieser Frage anfangen. Und was?

«Was wolltest Du mir sagen?»

Sagen? Er? Was denn?

«Wann kommt denn…?»

Nun strahlt Silly wieder über’s ganze Gesicht.

«Mitte Juni!»

Mitte Juni? Was soll er über ein halbes Jahr auf seinen Dreier warten?

Dann fällt der Zwanziger.

Fertig Essig. Für ihn.

Essig. Gurken. Für sie.

Sich verflüchtigende Fantasien.
Schaffen.
Raum.
Für Freude.

Indessen hat Silly die weisse Blackbox entdeckt.

«Für mich?»

Roger räuspert sich.

Und denkt an die Augenbinde, die Handschellen (im Leopard-Mäntelchen), die Flüssigschokolade, den hellblauen Delfinvibrator, den schwarzen Latexdildo, dieFussfesseln und den Anal Plug.

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Hab ich mir gedacht

Blog 61, 26. November 2009

Total Bar. Ich warte mit Sonja auf Simone, die neuerdings unglaublich unpünktlich ist.

Wir nutzen die Zeit mit kugelfreiem Beckenbodentraining. Das geht so: Sobald eine von beiden per Ausruf, Handnotiz oder Fingerzeig eine Zahl benennt, muss sofort zum Beispiel «47!» Mal der verdammte Beckenboden eingesaugt werden. So wie jetzt gerade.

Ich bin bei 23, als Misch zur Tür reinkommt und sich vor uns aufbaut. Ich kann unmöglich gleichzeitig nummerieren und grüssen, Sonja auch nicht und so schauen wir den Misch mit angespannten Kiefermuskeln und zusammengekniffenen Augen an und klemmen um die Wette und irgendwie ist das wie ein doppelter Cyber-Orgasmus im Beisein eines Mannes, der keine Ahnung hat von seinem Glück und Gott sei Dank schon mit ein paar Bieren angefüllt ist und drum nicht schnallt, dass wir etwas very slow sind im Antworten.

«Fertig!»
japst Sonja und schlägt mich damit um zwei Kontraktionen, womit es vier zu sieben steht. Nun drücken wir Misch und entlassen ihn nach weiter hinten, wo ihn die Trinkmannschaft mit mehr gelbem Brautreibmittel erwartet.

Zehn Minuten später ist auch Simone unter uns. Hale-Boppig zur Tür reingeschossen stolpert sie beinahe über ihren viel zu langen Schal in die Arme eines jungen Wollkappenträgers. Des sehr niedlichen jungen Wollkappenträgers, von dem ich gestern erfahren habe, dass er auf dem Weg zum Medicus ist, was hübsch ist (Ärzte sind immer gut, auch da weisse Kitteli halbe Uniformen), aber erst 26, was etwas weniger hübsch, aber immer noch hübsch genug für Augenware ist.

Während sie sich ein paar Nieseltropfen von den roten Backen tupft, fallen die rotweiss gepunkteten Handschuhe und die Angoramütze zu Boden. Sonja bückt sich.

«Kind, wo ist Dein Hirn?»
«Es fehlt am ganzen Menschen.»

Simone ist vor etwa drei Wochen von dieser Welt gegangen.

Zuerst dachten wir, sie hätte die Johanniskapseln wieder angesetzt. Ab und an ist Simone ein wenig stimmungslabil und muss dann gut examiniert werden.

«Warten wir mal ab»,
hab ich gesagt.

Dann hab ich mir ihren iPod ausgeliehen. Neben dem üblichen Simonegemix aus wenig bekannten Pop-Songs, gepaart mit Indie, Singersongwriterstuff, aktiviert Glen Hansard mein Alarmsystem. Elvis Costello bringt das Blaulicht zum Rotieren und bei dreimal hintereinander

«Girl,if you’re wondering
if I want you to (I want you to)
I want you to (I want you to)

I swear it’s true (swear it’s true)
Without you my heart is blue
»

geht der Heulton ab.

‹ER› ist schuld.
Der Typ, den sie an der Reviereröffnung kennen gelernt hat. Unzweifelhaft optisches 1A. Seither sind sie in einem halbwegs stetigen SMS-e-Mail-Facebook-Chat-Kontakt. Gemäss dem, was sie in seine Satzfetzen reininterpretiert, könnte sich durchaus etwas daraus entwickeln.

«Warten wir mal ab»,
denke ich, die das Geplapper unvoreingenommenen Verstandes rezipiert.

‹ER› ist konsequenterweise Simones aktuelles Lieblingsthema. Spricht man sie auf ‹IHN› an (und believe me, das hält nur aus, wem’s nicht grad beschissen geht), straffen sich die Schultern, die Augen weiten und die Stirn glättet sich, ein debilitätsverwandtes Grinslächeln entblösst die schimmerweissen Zähnchen neckisch und das Sprechtempo nimmt um einen Drittel zu. Ein entzückendes Bild. Ihr neu gefundener Positivismus daneben ist unerträglich.

Die Haare frisch gewaschen und sämtliche eventuell störenden immer schön depiliert, hofft Simone nun von Donnerstagabend bis Sonntag in den frühen Morgenstunden, ‹IHM› (halbwegs zufällig) über den Weg zu spazieren und dann würde ‹ER›, wird ‹ER›, ja wird ‹ER› bestimmt, letztes Wochenende ist halt biz dumm gelaufen, dass man sich verpasst hat, aber heute…

«Warten wir mal ab»,
denkt es in mir viel zu laut und ich pappe mir Tesastrips auf den Mund.

Nichtsdestotrotz: Simones Lebensqualität scheint massiv gestiegen. Ihr Schlafbedarf ist von sieben auf beneidenswerte viereinhalb Nachtstunden gesunken. Selbstredend, dass die (einzige) REM-Phase auch ‹IHM› gehört ist. Alles haben ‹SIE BEIDE› in dieser Zeit schon zusammen getrieben; geknutscht, gebadet, gevögelt, geklaut, getanzt, gevögelt, gecubalibriert, gevögelt, gefrühstuckt, gequalmt undsoweiter und wenn sie morgens um halb fünf wieder hellwach im Bett liegt, klopft ihr Herz den Takt der Bewegungen ihrer Hände vor.

Simone hat die Quelle endloser Energiereserven angezapft. Alchemie live.

«Warten wir mal ab»,
denkt es in mir.

Ungerecht fallen sie, die Sterntaler. Als ob ausgerechnet Simone mit ihrer unschlagbaren Flughöhe es noch nötig hätte, lachen ihr Wildfremde auf der Strasse ins Gesicht, räumen im Tram den Sitz für sie frei, schenken ihr Marroni, halten Türen offen und heben mit unglaublicher Dienstfertigkeit all den Krempel auf, den sie ständig verliert und verlauert. Im Ausgang ist sie auch ohne Alkohol total high und nach dem zweiten Drink trägt sie ein fremdes Képi auf dem Kopf und wird von einer Traube elektrisierter Jungs umschwärmt, denen sie tief in die Augen schaut und die sie anstrahlt, wobei sie – total reizunemfpänglich –nur an ‹IHN› denkt. Am Laufband bekommt sie frischgefüllte Flûtes in die Hand gedrückt, wird von Bouncern aus der Reihe gepickt und vorgelassen und in Clubs wegen Drogen angekickt.

Auf dem Laufband hüpft sie, statt zu spazieren wie sich das gehörte, auf dem Heimweg summt sie fröhliche Liedchen und führt kleine interne Pseudodialoge mit ‹IHM›.

Jedes SMS wird vor dem Absenden fünfmal umformuliert, überhaupt fabriziert sie, deren Messages im Schnitt zwanzig Zeichen lang waren, plötzlich Wortgebilde einer die meinige übertreffenden Eloquenz. Ein wenig blumig im Abgang, vielleicht, aber oft träf wie die Schneide meines mit Blut, Schweiss und Hornhaut des nahtoten japanischen Meisters veredelten Gemüsehackmessers.

Mittlerweile habe auch ich ‹IHN› angesichtet. Ordinärintelligent, akzeptabel humorbegabt und alles. Mein Gensatz reagiert aber nicht auf seinen Hormonmix. Und: kleine Hände – schlechtes Zeichen.

«Na? Na? Na? Wie findest Du ‹IHN›? Sag schon! Super, nicht? Süss, nicht? Sag, ja?»
«Nun ja»
,
sage ich und
«warten wir mal ab»
,
denkt es in mir, schliesslich haben wir das allesamt X-mal schon erlebt.

Und zwei Wochen später ist’s irgendwie ausgeträumt, ob er sich einer anderen Option zugewendet oder einfach das Interesse verloren hat, ist nicht eineindeutig und
«hab ich’s mir doch gedacht»
,
denkt es in mir, und ich streiche ihr eine Haarsträhne aus den traurigen Augen, stelle die grosse Tasse Grog vor sie hin und sage
«Austrinken, Mädchen!»

und ein paar Folgen Grey’s Anatomy, wo die Ärzte allesamt sauschön und extrem männlich und super kompetent sind und alle entweder todkrank sind oder beschissene Beziehungen haben und später geht’s ihr schon wieder viel besser.

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Leftovers.

Blog 57, 29. Oktober 2009

Simone hat Paulo in der Grubenstrasse kennen gelernt. Es ist gegen drei Uhr morgens, sie will gerade gehen, als er plötzlich mit zwei Kollegen auftaucht. Weil sie an den grossen, moccabraunen Augen kleben bleibt, überredet sie sich, zu bleiben, verabschiedet sich von ihren Freundinnen und steuert mit einem frischen Glas Vodka/Süssmost gradlinig auf ihn zu.

«Chin-Chin.»
Das Eis bricht.

Simone und Paulo sinken ineinander ab, vertiefen sich in einem Gespräch über Nebensächlichkeiten, von dem sie am nächsten Tag nur die Hälfte memorisieren kann, teilweise infolge akustischer Hindernisse und ihrem beträchtlichen Alkoholisierungsgrad, aber auch, weil sie sich überhaupt primär darauf konzentriert hat, wie Paulo sich bewegt, artikuliert und wie seine Augen dabei leuchten, als darauf, was dabei herausgekommen ist.

Logo fragt Paulo nach ihrer Nummer, aber Simone lächelt eleusinisch und meint, in Zürich treffe man sich ohnehin früher oder später wieder. So trennen sich ihre Wege auf unbestimmte Zeit. Simone entschwindet in einem Taxi, ohne dass Paulo die Adresse mitkriegt, die sie dem alten Türken nennt. Er geht zu Fuss zum Goldbrunnenplatz.

Drei Wochen sind sie nun schon getrennt und Simone zweifelt bereits latent an ihren eigenen Worten. Dann aber berühren sich ihre Umlaufbahnen am nachtschwangeren Freitagmorgen unter der Autobahnbrücke.

«Du hast Dir ganz schön Zeit gelassen.»
«Du hast am falschen Ort gesucht.»
«Selbstbewusst am Rand der Selbstüberschätzung. Wer sagt, ich hätte gesucht?»
«Niemand. Aber Du schaust drein, als hättest Du gefunden.»

Auch nach dieser Nacht schieben sie lediglich ihre beiden Fahrräder den endlosen Weg der Limmat entlang zurück. Simone verabschiedet sich beim Platzspitz.

«Bis… irgendwann.»
«Ja, bis irgendwann. Bald.»

Erst fünf Tage später findet Zuzana in der Tasche von Paulos Jeans den Zettel mit Simones Natelnummer. Gut sichtbar deponiert sie ihn auf den Herd.

Er schilt sich halblaut einen verdammten Idioten und schreibt Simone – es ist schon weit nach Mitternacht – ein SMS.
«Der Diamant von einer Putzfrau hat Dich heute morgen gefunden.»

Am Donnerstag treffen sie sich auf eine Flasche Pollerhof im Piazza. Es ist schon ziemlich spät, als sie durch den Nieselregen nahe nebeneinander Richtung Innenstadt spazieren. Paulo ist happy. Noch ist alles offen. Das Bier in der leeren Spelunke an der Ecke Hallwylplatz, deren Name sich Paulo nicht merkt, korreliert zwar negativ mit der Präsentation, die er am nächsten Morgen halten muss, aber für Bedenkenzeit ist es ohnehin zu spät.

Simone daneben hat schon nach dem ersten Glas des hellgrünen Österreichers auf der Toilette ihre goldene botswanische Münze in der Luft tanzen lassen. Sie ist nicht auf das Rhinozenross, sondern auf das Staatswappen gefallen und sie hat gelächelt.

Paulo hat bereits aufgehört, damit zu rechnen und zudem ist das dämliche PowerPoint noch nicht ganz fertig und überhaupt ist es tami spät, als sie es sagt.

«Du kommst zu mir.»
Wenn es auch definitiv keine Frage ist, hört es sich doch nicht an wie ein Imperativ und Simone wohnt, zudem alleine, auch grad an der Morgartenstrasse.

«OK»,
denkt sie zwei Stunden später, als sie aufsteht und zur Toilette geht,
«das war ja nun leider wirklich nicht der Hammer.»

Ob Paulo anders empfindet, ist nicht auszumachen, aber als er die Schuhe anzieht, ist sie ein wenig froh, dass er nicht gefragt hat, ob er bleiben dürfe oder solle.

Schon am Sonntag aber treffen sie sich nochmals, wo, weiss ich nicht mehr, und Paulo ist plötzlich wieder in ihrer Wohnung, ihrem Schlafzimmer, in ihrem Bett und diesmal viel forscher, es muss am Pollerhof gelegen haben, oder das Bier war doch zuviel und überhaupt ist eine Sache mit Entwicklungspotential letztlich spannender als Knabenschiessen und Mariä Himmelfahrt zusammen und nächstes Mal nur noch Auffahrt und dann gleich Fronleichnam.

Als Paulo Anstalten macht, zu gehen, zieht Simone ihm die Shorts wieder aus.

Später benutzt er zum ersten Mal ihre Zahnbürste mit.

Irgendwie geht das dann einfach so weiter und ist so weit, so gut. Wenn Simone und Paulo auch kein Pärchen sind, hat das Ganze etwas angenehm Beziehungsverwandtes. Langsam fügen sich Steinchen zusammen, man geht ins Kino oder beugt sich beim Katerfrühstück gemeinsam über eine Sonntagszeitung. Auch Paulos WG-Gspänli Mikael findet Simone recht cool.

Meist übernachtet Paulo aber bei Simone: keine Rücksicht auf Lärmbelastung nehmen zu müssen, macht die Sache eben doch einfacher und für sie ist es auch vorteilhafter, wenn sie nicht die ganze Kosmetikscheisse jedes Mal hin- und herzügeln muss.

Eines Tages bringt Paulo allerdings Gepäck mit. Eine gelbe Zahnbürste.
Die liegt am Abend, als Simone von der Agentur heimkommt, noch immer auf dem Lavabo.

Sie dreht den postgelben Eindringling mit den schwarzweissen Borsten, brandneu, erst zwei Mal benutzt, irritiert in den Händen. Schliesslich stellt sie das Ding in ihren Spiegelschrank, ständig im Augenwinkel mag sie es irgendwie doch nicht haben, wenn auch sie regelmässig sämtliche Körperflüssigkeiten austauschen.

Wann immer sie den Schrank öffnet, fällt ihr Blick nun auf die gelbe Zahnbürste rechts oben. Ein Token. Ein Symbol. Ein fremder Besitz. In ihrer Wohnung. Ein erster Schritt zum Zweitschlüssel? Simone schliesst den Schrank.

«Hoppla!,»
spöttelt Sonja, der aber auch gar nichts verborgen bleibt,
«jetzt aber! Es gilt Ernst!»

«Quatsch. Ist letztlich eine Frage der Hygiene.»
Simone kontert zähneknirschend.

Wochenlang wohnt die ‹Tigerente› in Simones Badezimmer mit. Mal steht sie an ihrem Platz im Schrank, mal schmiegt sie sich sogar im Zahnglashalter an Simones eigenes, perlweisses Bürsteli. Und mehr oder weniger regelmässig kommt sie auch zum Einsatz. Manchmal freut sich Simone sogar ein wenig über den gelben Griff, der aus dem Glas ragt und sie an die Moccaaugen denken lässt.

Als dann, irgendwann später, jemand anderes, mit andersfarbigen Boxershorts und grünen, höchstens grünbraunen, Augen in ihrem Bad steht, ist Simone versucht, ihm die gelbe Zahnbürste hinzustrecken.

Aber irgendwie schafft sie es doch nicht und stopft sie statt dessen zwischen ihre wimpertuscheschwarzen Wattepads in den Mülleimer.

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Französisch, s’îl vous plait.

Blog 55, 15. Oktober 2009

Herr D.C. aus dem ländlichen Luzern hat mich gebeten, zur Abwechslung doch bitte mal wegzukommen vom Monothematismus und über etwas mehr ‹Gesellschaftsorientiertes› (wie vage!) zu schreiben.

Nun denn.

Wir werden immer dicker.
‹Unseren› Kids wird in der Primarschule mittlerweile – nach sämtlichen transirgendwasfetthaltigen Vanillegipfeli – sogar die (kariesfördernde!) Banane verboten (ob sie den Aufklärungsunterricht entsprechend mit Dildos machen?).

Seit ein paar Jahren fallen mir aber die vielen Vierzehnjährigen in engen Röhrlijeans auf, denen Fettwülstchen über den Hüften hervorquellen und ‹Bäuchlein› vornedran hängen, die mit den (auch die sind wenigstens stetig gewachsen) Brüsten locker konkurrieren.
André Reithebuch hat sich kürzlich im 20Minuten als Mr. Reitheranzen präsentiert (obwohl Miss Fäh ja geradezu dazu reizte, den Magen zu entleeren).

Neben klassischem Fehlverhalten wie Alkoholexzessen von Donnerstagapéro bis Sonntagafterhour gibt es eine ganze Reihe soziokultureller (for you D.C.!) Faktoren, die die Adipositionierung der Industrienationen vorantreiben. Als da wären ausschliesslich sitzende Tätigkeiten, Bewegungsfäule, Computergaming, Nahrungsaufnahme als Ersatz für emotionale und persönliche Zuwendung, Portionengrössen, Glutamat, Mangel an alternativen Produkten etc.

Aber all das interessiert ja nicht.

Die einzige Nation (ausserhalb der Caritasländer natürlich), die noch erfolgreich schlank ist, sind offenbar die Franzosen. Oder hat jemand grad eine fette Franzfrau zur Hand? Mir fallen nur Carla Brunis Schlupfwarzen in der Comte-Ausstellung ein.

Mireille Gulliano behauptet, es genau zu wissen. Und an der ist nur das Portemonnaie dick. Mit French Women Don’t Get Fat hat sie den Nerv von Millionen (Frauen?) getroffen. Der simple Dünnwerden/Dünnbleiben-Französinnentrick ist zudem super simpel: Schlaf. Schlaf, Schlaf und nochmals Schlaf.

Die 10 Schrittchen zur ultimativen Schlankschönheit sind:

«1. Move, move, move during the day!»
Beweg Deinen Arsch, Mädchen. Damit Du abends zur Sau bist. Eine lausige halbe Stunde Yoga oder Nordic Walking (wie sexy!) täglich – und du fällst so was von tot ins Bett!

«2. Stay away from stimulants»
Nulldiät in Bezug auf Koffein, Nikotin, Alk. Denn das Trio schlägt auf die Nerven. Und wer aufgekratzt ist, kann – Pädäräbäm! – natürlich nicht schlafen. (Die Autorin ist wohl noch nie im rauschkomatös irgendwo rumgelegen).

«3. Try to go to bed and wake up at the same time every day.»
Fühle dich bei dir daheim,
gänzlich wie im Erziehungsheim.

«4. Reserve the bedroom for sleeping only.»
Heisst, kein Essen zwischen den Kissen, kein TV-Glotzen, kein Loungen. Ficken bitte nur morgens. Ja, denn nur Männer schlafen ‹danach› wie Götter, Frauen sind so richtig aufgedreht und wollen reden, reden reden.
Und reden macht fett.

«5. Herbal teas work magic.»
Überhaupt besteht Alkohol aus reinen Kalorien. Kamille, ‹wohlriechendes› Eisenkraut und Fenchel beruhigen dagegen herrlich. Dass man nachts vielleicht drei Mal aufsteht, um zu pissen, macht‘s sogar noch besser. Denn hey: Bewegung macht müde!

«6. Turn off the lights earlier
Licht sagt dem Hirn: Achtung, Action! Drum: aus damit. Meinen nervigen Kanarienvogel hab ich damit gekillt, dass ich das Tuch über seinem Käfig eines Morgens vergessen habe, wieder wegzumachen.

«7. Turn off the computer and TV at least a half hour, but preferably an hour, before bedtime.»
Voll easy. Da du ja um sechs aus dem Büro gehst, um die Häuser walkst und um acht ins Bett gehst, bist völlig du de-elektromagnetisiert.

«8. If you can’t sleep for a full half hour, get up and read a book or listen to soothing music for a little while. »
Bloss nicht liegen bleiben und sich zum Schlafen zwingen, das strengt die Nerven an. Und dafür gäbe es bessere Mittelchen. Die sind allerdings verboten.

«9. Avoid having a very large meal before bedtime
Dinner Cancelling olé. Denn wer nicht isst, weil er/sie pennt, wird doppelt dünn.
Nouvelle Cuisine ist so yesterday!

«10. Create an environment that is conducive to sleep »
Am besten was Zappendusteres. Ein privater Samadhi-Tank oder ein Sarg.
Mit einer Plastiktüte über dem Kopf schläft es sich übrigens besonders lang.

That’s it. Full metal Jacket. Die ganze Chose. Des Pudels Kern. Dieser Brunz wurde in 37 Sprachen übersetzt, über eine Kiste mal verkauft und war New York Times #1 Bestseller.

Ok. Die Französinnen mögen, obwohl sie die höchste ausseramerikanische Mc-Donalds-Dichte ihr Eigen nennen, nicht fett sein.

Aber wer will eine Frau, die zwar dünn ist, dafür clean, asexuell, vor dem Schlusssignet Tagesschau am Ende, dafür morgens um sieben Uhr schon tipptoppfit und die literweise nach Scheisse riechende Teekannen in sich hineinleert und Nordic Walking-Stöcke im Entrée deponiert?

Laetitia Casta schwebt kurz durch meine Gedanken, als nacktes Dornröschen auf einem hellblauen Himmelbett, bis auf die Knochenhaut abgemagert.

Was sagte noch Giselle ‹the french bitch›?
«Fuck… fuck… fuckity fuck.»

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Welcher denn nun?

Blog 48, 20. August 2009

Nach dem 250-Gramm-Beefburger mit Country Fries und viel Weisswein piepiept in den ersten zehn Kinominuten das Handy, das ich (natürlich) vergessen habe, zum Stummen zu bringen.

Nate. Nate ist ein wahnsinnig schnuckliger Typ, mit dem ich was hatte, bis er vor zwei Jahren (s)eine blonde, langhaarige, langbeinige Schnitte akquiriert hat, die bis heute seine ungeteilte Aufmerksamkeit fordert. Nate mit den Sternentattoos in den Leisten. Nate, in den ich am Streetparadeweekend reingetanzt bin und der mich, als seine blonde, langhaarige, langbeinige, um zwei Jahre gealterte Schnitte grad auf der Toilette weilte, gefragt hat, ob wir mal wieder vögeln wollen. Klar, hab ich gesagt.

Vor allem, weil die blonde, langhaarige, langbeinige Schnitte zwar um zwei Jahre gealtert aber immer noch fünf Jahre jünger ist als ich.

In den ersten zehn Kinominuten piepiept also Nate und fragt, was ich am Donnerstag um 2200 vorhabe.

Dann der Film.

Fünf Frauen und vier Männer. (Heisst: eine geht leer aus.) Die Struktur ist simpel:

Frau_01 ist total erfolglos und pendelt zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Mann_01 (eigentlich ein Freund von Mann_03, der Frau_01 gedatet hat, aber nichts von ihr wollte) wird zum persönlichen Beziehungsberater von Frau_01.

Und verliebt sich Ende (natürlich!) in sie – und sie sich in ihn. Ende gut, alles gut

Frau_02 und Mann_02 sind seit sieben Jahren fast ganz glücklich verheiratet. Frau_02 will unbedingt heiraten. Mann_02 ist – obwohl er Frau_02 abgöttisch liebt – grundsätzlich gegen die Ehe. Sie trennen sich. Durch widrigste Umstände finden sie wieder zusammen.

Als Frau_02 schliesslich einwilligt, auf die Ehe zu verzichten, macht Mann_02 (natürlich!) gleich einen Antrag. Ende gut, alles gut.

Mann_03 steht total auf die Yogalehrerin Frau_03. Frau_03 hat sich aber in Mann_04 verknallt, der mit Frau_04 fast ganz glücklich verheiratet ist (Frau_04 hat auf Heirat bestanden!).

Frau_03 und Mann_04 haben eine heisse Affäre. Sie fliegen auf und Frau_04 verlässt Mann_04.

Am Ende sind Mann_04 und Frau_04 alleine. Frau_03, eh eine Schlampe ist, reist nach Indien. Ende gut, alles gut. [Und merke: Frauen, besteht nicht auf Heirat!]

Mann_03 und Frau_05 (eine Freundin von Frau_03) verlieben relativ unspektakulär ineinander. Ende gut, alles gut.

In den letzten zehn Minuten piepiept mein Handy.

Andy. Andy ist ein wahnsinnig schnuckliger Typ, ohne blonde, langhaarige, langbeinige Schnitte. Und ohne Sternentattoos in den Leisten.

Andy fragt, was ich am Donnerstagabend vorhabe.

Während ich die Schnitte und den Sternenhimmel gegen andere Qualitäten abwäge, ist vorn an der Leinwand Ende gut, alles aufgestanden und weg.

Selma wischt sich neben mir den letzten Rest Tränen aus den Augen und sagt, während wir die Treppe runter stolpern, sie wolle auch mal wieder so richtig frisch verliebt sein und alles.

Zwei Zigaretten später hat sie es sich anders überlegt und freut sich, dass sie heim kann zu ihrem Macker. Wo sie laut unter der Bettdecke furzen darf.

Ende gut, alles gut.

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Blog 15

Neulich beim Pastis mit Sissy. Sieht danach aus, als wär sie demnächst wieder in festen Händen (obwohl, ob der Sprenzel Patric richtig an- und zupacken kann, ist ziemlich zweifelhaft). Nicht deswegen aber ist sich Sissy der Sache nicht sicher. Sondern, weil ihre Libido in der ‹committeten› Form der Partnerschaft nach einem Jahr maximal nach einem anderen Genkonglomerat resp. anderen Handauflegern schreit – und sie diesem Ruf früher oder später nachzugeben gezwungen ist.

Dass die Lustkurve vieler Frauen in Beziehungen, je ‚fester’ diese eben werden, desto steiler fallen, ist hinlänglich bekannt. Nicht, dass Männer deshalb weniger fremdspazieren. Sie sind aber doch allzeit bereit, auch bei der eigenen Partnerin in die Bresche zu springen. Es geht bei ihnen offenbar vielmehr darum, (überhaupt) jemanden für Bettgeschichtchen zur Verfügung zu haben. Das ist verständlich, schliesslich ist der Aufriss ein anstrengendes, zeit- und geldintensives Unternehmen, das zudem ziemlich rezessionsanfällig ist. Während der Schuster also auch dabei willens ist, möchten die Leisten lieber aus dem Business aussteigen. Entweder, sie tun’s dann, oder sie rutschen langsam aber sicher in die Asexualität ab.

«Wie viel Sex ist denn überhaupt genug?», wollt ich von der Community des online Newsletters, der die Zürchernden so cool machen, wissen.

Die erste Antwort ist mein liebstes Votum zugleich. Sequelle, ganz pragmatisch, klammert den Lustfaktor gänzlich aus: «Nie ist zuwenig, zuviel ist, wenn’s gerötet ist und brennt.»

Das nenn ich Einsatz! Wie schon die Toten Hosen anno dazumal wussten: «Auch wenn es weh tut, rein muss er doch!» Daniel würd sich dem bestimmt anschliessen. Mit seinem neuen Ikea-Bett geht’s nämlich wie geölt: zählst Du noch oder f***** Du schon?

Herr Nebensatz äussert sich daneben viel genügsamer. «In einer Beziehung habe ich zweimal pro Woche Sex, und das finde ich toll. Habe ich keine Beziehung, habe ich so gut wie nie Sex, und das finde ich gar nicht toll.»

Ob er älter ist als 15?

Auch Nimmersatt Blake outet sich als Testosteronross. «Jeden tag, am Wochenende täglich zweimal.»

Ob das den Wünschen oder der (gelebten) Realität entspricht? So oft zum Zug zu kommen, wär ihm zu gönnen Aber bitte ohne Brennen, Rötungen und Vaginalmykose.

Lucid, bereits befreit von den Zwängen der Triebe, behauptet, Sex müsse eine gewisse Exklusivität behalten: «Täglich? muss ja furchtbar öde werden mit der Zeit…je nieer, desto besser.» Das gute daran, Schleimhäutchen und G-Punkt werden nicht abgewetzt und weder Schmerzenslaute noch Haushaltsgeld müssen auf dem Behandlungsaltar der Brazilian Waxerin geopfert werden.

Slomo bringt mit dem modus vivendi einen wichtigen Faktor ins Spiel: «Wie wird überhaupt gezählt? Zählt die ‹frühmorgendliche Halbschlafnummer oder letztlich nur das ‹Reinraus›?» (Ja, Slomo! Halbe Sachen sind doch immer beschissen.)

Der foren-lesende und forumsfragen-beantwortende Heindoof hat klug konstatiert: «Ich halte es so, falls ich jemals zu bloggen beginne, hab ich zu wenig.» Gut gebrüllt, Löwe.

Auch Rotzgöre findet meine Frage doof. Von Statistiken hält sie nichts, Strichleinlisten sind scheisse, es zählt einzig die Qualität. Dennoch (inkonsequent?) gilt für sie ‹persönlich› je öfter je besser. Weil sie aber grad Single ist (und offenbar total erfolglos), bedient sie sich gern auch ihrer zwei [sic!] Hände. Weiter so. Mal vüre mal hindere mal links mal rächts. Aber zählen tut’s trotzdem nicht.

Wer noch immer nicht schlauer ist, nehme Chouchous Antwort als Zollstock: «Ich find gut: bei jedem Treffen mit dem Partner (also 3-4 x pro Woche) plus am Wochenende und in den Ferien mehr, weil mehr Zeit.»

Astrologisch gesehen, würde sich für die drei bis vier Mal pro Woche Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag empfehlen. Und dann ist ja schon Wochenende.

Dass es dann wenigstens am freien Dienstag nicht mehr brennt, ist zu hoffen. Aber da kann der Apotheker vielleicht weiter helfen, oder ein Profi von der Dienerstrasse.

Fazit: Schlaue Erkenntnisse zu diesem Thema gibt’s keine. Ich arbeite deshalb gerade an meinem ersten populärpsychologischen Werk: Die Sex Diät – Wie SIE immer Lust hat – und ER die Stange hält.

Das Werk wird ziemlich kurz. Jojo-Effekt.

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