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Hab ich mir gedacht

Blog 61, 26. November 2009

Total Bar. Ich warte mit Sonja auf Simone, die neuerdings unglaublich unpünktlich ist.

Wir nutzen die Zeit mit kugelfreiem Beckenbodentraining. Das geht so: Sobald eine von beiden per Ausruf, Handnotiz oder Fingerzeig eine Zahl benennt, muss sofort zum Beispiel «47!» Mal der verdammte Beckenboden eingesaugt werden. So wie jetzt gerade.

Ich bin bei 23, als Misch zur Tür reinkommt und sich vor uns aufbaut. Ich kann unmöglich gleichzeitig nummerieren und grüssen, Sonja auch nicht und so schauen wir den Misch mit angespannten Kiefermuskeln und zusammengekniffenen Augen an und klemmen um die Wette und irgendwie ist das wie ein doppelter Cyber-Orgasmus im Beisein eines Mannes, der keine Ahnung hat von seinem Glück und Gott sei Dank schon mit ein paar Bieren angefüllt ist und drum nicht schnallt, dass wir etwas very slow sind im Antworten.

«Fertig!»
japst Sonja und schlägt mich damit um zwei Kontraktionen, womit es vier zu sieben steht. Nun drücken wir Misch und entlassen ihn nach weiter hinten, wo ihn die Trinkmannschaft mit mehr gelbem Brautreibmittel erwartet.

Zehn Minuten später ist auch Simone unter uns. Hale-Boppig zur Tür reingeschossen stolpert sie beinahe über ihren viel zu langen Schal in die Arme eines jungen Wollkappenträgers. Des sehr niedlichen jungen Wollkappenträgers, von dem ich gestern erfahren habe, dass er auf dem Weg zum Medicus ist, was hübsch ist (Ärzte sind immer gut, auch da weisse Kitteli halbe Uniformen), aber erst 26, was etwas weniger hübsch, aber immer noch hübsch genug für Augenware ist.

Während sie sich ein paar Nieseltropfen von den roten Backen tupft, fallen die rotweiss gepunkteten Handschuhe und die Angoramütze zu Boden. Sonja bückt sich.

«Kind, wo ist Dein Hirn?»
«Es fehlt am ganzen Menschen.»

Simone ist vor etwa drei Wochen von dieser Welt gegangen.

Zuerst dachten wir, sie hätte die Johanniskapseln wieder angesetzt. Ab und an ist Simone ein wenig stimmungslabil und muss dann gut examiniert werden.

«Warten wir mal ab»,
hab ich gesagt.

Dann hab ich mir ihren iPod ausgeliehen. Neben dem üblichen Simonegemix aus wenig bekannten Pop-Songs, gepaart mit Indie, Singersongwriterstuff, aktiviert Glen Hansard mein Alarmsystem. Elvis Costello bringt das Blaulicht zum Rotieren und bei dreimal hintereinander

«Girl,if you’re wondering
if I want you to (I want you to)
I want you to (I want you to)

I swear it’s true (swear it’s true)
Without you my heart is blue
»

geht der Heulton ab.

‹ER› ist schuld.
Der Typ, den sie an der Reviereröffnung kennen gelernt hat. Unzweifelhaft optisches 1A. Seither sind sie in einem halbwegs stetigen SMS-e-Mail-Facebook-Chat-Kontakt. Gemäss dem, was sie in seine Satzfetzen reininterpretiert, könnte sich durchaus etwas daraus entwickeln.

«Warten wir mal ab»,
denke ich, die das Geplapper unvoreingenommenen Verstandes rezipiert.

‹ER› ist konsequenterweise Simones aktuelles Lieblingsthema. Spricht man sie auf ‹IHN› an (und believe me, das hält nur aus, wem’s nicht grad beschissen geht), straffen sich die Schultern, die Augen weiten und die Stirn glättet sich, ein debilitätsverwandtes Grinslächeln entblösst die schimmerweissen Zähnchen neckisch und das Sprechtempo nimmt um einen Drittel zu. Ein entzückendes Bild. Ihr neu gefundener Positivismus daneben ist unerträglich.

Die Haare frisch gewaschen und sämtliche eventuell störenden immer schön depiliert, hofft Simone nun von Donnerstagabend bis Sonntag in den frühen Morgenstunden, ‹IHM› (halbwegs zufällig) über den Weg zu spazieren und dann würde ‹ER›, wird ‹ER›, ja wird ‹ER› bestimmt, letztes Wochenende ist halt biz dumm gelaufen, dass man sich verpasst hat, aber heute…

«Warten wir mal ab»,
denkt es in mir viel zu laut und ich pappe mir Tesastrips auf den Mund.

Nichtsdestotrotz: Simones Lebensqualität scheint massiv gestiegen. Ihr Schlafbedarf ist von sieben auf beneidenswerte viereinhalb Nachtstunden gesunken. Selbstredend, dass die (einzige) REM-Phase auch ‹IHM› gehört ist. Alles haben ‹SIE BEIDE› in dieser Zeit schon zusammen getrieben; geknutscht, gebadet, gevögelt, geklaut, getanzt, gevögelt, gecubalibriert, gevögelt, gefrühstuckt, gequalmt undsoweiter und wenn sie morgens um halb fünf wieder hellwach im Bett liegt, klopft ihr Herz den Takt der Bewegungen ihrer Hände vor.

Simone hat die Quelle endloser Energiereserven angezapft. Alchemie live.

«Warten wir mal ab»,
denkt es in mir.

Ungerecht fallen sie, die Sterntaler. Als ob ausgerechnet Simone mit ihrer unschlagbaren Flughöhe es noch nötig hätte, lachen ihr Wildfremde auf der Strasse ins Gesicht, räumen im Tram den Sitz für sie frei, schenken ihr Marroni, halten Türen offen und heben mit unglaublicher Dienstfertigkeit all den Krempel auf, den sie ständig verliert und verlauert. Im Ausgang ist sie auch ohne Alkohol total high und nach dem zweiten Drink trägt sie ein fremdes Képi auf dem Kopf und wird von einer Traube elektrisierter Jungs umschwärmt, denen sie tief in die Augen schaut und die sie anstrahlt, wobei sie – total reizunemfpänglich –nur an ‹IHN› denkt. Am Laufband bekommt sie frischgefüllte Flûtes in die Hand gedrückt, wird von Bouncern aus der Reihe gepickt und vorgelassen und in Clubs wegen Drogen angekickt.

Auf dem Laufband hüpft sie, statt zu spazieren wie sich das gehörte, auf dem Heimweg summt sie fröhliche Liedchen und führt kleine interne Pseudodialoge mit ‹IHM›.

Jedes SMS wird vor dem Absenden fünfmal umformuliert, überhaupt fabriziert sie, deren Messages im Schnitt zwanzig Zeichen lang waren, plötzlich Wortgebilde einer die meinige übertreffenden Eloquenz. Ein wenig blumig im Abgang, vielleicht, aber oft träf wie die Schneide meines mit Blut, Schweiss und Hornhaut des nahtoten japanischen Meisters veredelten Gemüsehackmessers.

Mittlerweile habe auch ich ‹IHN› angesichtet. Ordinärintelligent, akzeptabel humorbegabt und alles. Mein Gensatz reagiert aber nicht auf seinen Hormonmix. Und: kleine Hände – schlechtes Zeichen.

«Na? Na? Na? Wie findest Du ‹IHN›? Sag schon! Super, nicht? Süss, nicht? Sag, ja?»
«Nun ja»
,
sage ich und
«warten wir mal ab»
,
denkt es in mir, schliesslich haben wir das allesamt X-mal schon erlebt.

Und zwei Wochen später ist’s irgendwie ausgeträumt, ob er sich einer anderen Option zugewendet oder einfach das Interesse verloren hat, ist nicht eineindeutig und
«hab ich’s mir doch gedacht»
,
denkt es in mir, und ich streiche ihr eine Haarsträhne aus den traurigen Augen, stelle die grosse Tasse Grog vor sie hin und sage
«Austrinken, Mädchen!»

und ein paar Folgen Grey’s Anatomy, wo die Ärzte allesamt sauschön und extrem männlich und super kompetent sind und alle entweder todkrank sind oder beschissene Beziehungen haben und später geht’s ihr schon wieder viel besser.

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