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Leftovers.

Blog 57, 29. Oktober 2009

Simone hat Paulo in der Grubenstrasse kennen gelernt. Es ist gegen drei Uhr morgens, sie will gerade gehen, als er plötzlich mit zwei Kollegen auftaucht. Weil sie an den grossen, moccabraunen Augen kleben bleibt, überredet sie sich, zu bleiben, verabschiedet sich von ihren Freundinnen und steuert mit einem frischen Glas Vodka/Süssmost gradlinig auf ihn zu.

«Chin-Chin.»
Das Eis bricht.

Simone und Paulo sinken ineinander ab, vertiefen sich in einem Gespräch über Nebensächlichkeiten, von dem sie am nächsten Tag nur die Hälfte memorisieren kann, teilweise infolge akustischer Hindernisse und ihrem beträchtlichen Alkoholisierungsgrad, aber auch, weil sie sich überhaupt primär darauf konzentriert hat, wie Paulo sich bewegt, artikuliert und wie seine Augen dabei leuchten, als darauf, was dabei herausgekommen ist.

Logo fragt Paulo nach ihrer Nummer, aber Simone lächelt eleusinisch und meint, in Zürich treffe man sich ohnehin früher oder später wieder. So trennen sich ihre Wege auf unbestimmte Zeit. Simone entschwindet in einem Taxi, ohne dass Paulo die Adresse mitkriegt, die sie dem alten Türken nennt. Er geht zu Fuss zum Goldbrunnenplatz.

Drei Wochen sind sie nun schon getrennt und Simone zweifelt bereits latent an ihren eigenen Worten. Dann aber berühren sich ihre Umlaufbahnen am nachtschwangeren Freitagmorgen unter der Autobahnbrücke.

«Du hast Dir ganz schön Zeit gelassen.»
«Du hast am falschen Ort gesucht.»
«Selbstbewusst am Rand der Selbstüberschätzung. Wer sagt, ich hätte gesucht?»
«Niemand. Aber Du schaust drein, als hättest Du gefunden.»

Auch nach dieser Nacht schieben sie lediglich ihre beiden Fahrräder den endlosen Weg der Limmat entlang zurück. Simone verabschiedet sich beim Platzspitz.

«Bis… irgendwann.»
«Ja, bis irgendwann. Bald.»

Erst fünf Tage später findet Zuzana in der Tasche von Paulos Jeans den Zettel mit Simones Natelnummer. Gut sichtbar deponiert sie ihn auf den Herd.

Er schilt sich halblaut einen verdammten Idioten und schreibt Simone – es ist schon weit nach Mitternacht – ein SMS.
«Der Diamant von einer Putzfrau hat Dich heute morgen gefunden.»

Am Donnerstag treffen sie sich auf eine Flasche Pollerhof im Piazza. Es ist schon ziemlich spät, als sie durch den Nieselregen nahe nebeneinander Richtung Innenstadt spazieren. Paulo ist happy. Noch ist alles offen. Das Bier in der leeren Spelunke an der Ecke Hallwylplatz, deren Name sich Paulo nicht merkt, korreliert zwar negativ mit der Präsentation, die er am nächsten Morgen halten muss, aber für Bedenkenzeit ist es ohnehin zu spät.

Simone daneben hat schon nach dem ersten Glas des hellgrünen Österreichers auf der Toilette ihre goldene botswanische Münze in der Luft tanzen lassen. Sie ist nicht auf das Rhinozenross, sondern auf das Staatswappen gefallen und sie hat gelächelt.

Paulo hat bereits aufgehört, damit zu rechnen und zudem ist das dämliche PowerPoint noch nicht ganz fertig und überhaupt ist es tami spät, als sie es sagt.

«Du kommst zu mir.»
Wenn es auch definitiv keine Frage ist, hört es sich doch nicht an wie ein Imperativ und Simone wohnt, zudem alleine, auch grad an der Morgartenstrasse.

«OK»,
denkt sie zwei Stunden später, als sie aufsteht und zur Toilette geht,
«das war ja nun leider wirklich nicht der Hammer.»

Ob Paulo anders empfindet, ist nicht auszumachen, aber als er die Schuhe anzieht, ist sie ein wenig froh, dass er nicht gefragt hat, ob er bleiben dürfe oder solle.

Schon am Sonntag aber treffen sie sich nochmals, wo, weiss ich nicht mehr, und Paulo ist plötzlich wieder in ihrer Wohnung, ihrem Schlafzimmer, in ihrem Bett und diesmal viel forscher, es muss am Pollerhof gelegen haben, oder das Bier war doch zuviel und überhaupt ist eine Sache mit Entwicklungspotential letztlich spannender als Knabenschiessen und Mariä Himmelfahrt zusammen und nächstes Mal nur noch Auffahrt und dann gleich Fronleichnam.

Als Paulo Anstalten macht, zu gehen, zieht Simone ihm die Shorts wieder aus.

Später benutzt er zum ersten Mal ihre Zahnbürste mit.

Irgendwie geht das dann einfach so weiter und ist so weit, so gut. Wenn Simone und Paulo auch kein Pärchen sind, hat das Ganze etwas angenehm Beziehungsverwandtes. Langsam fügen sich Steinchen zusammen, man geht ins Kino oder beugt sich beim Katerfrühstück gemeinsam über eine Sonntagszeitung. Auch Paulos WG-Gspänli Mikael findet Simone recht cool.

Meist übernachtet Paulo aber bei Simone: keine Rücksicht auf Lärmbelastung nehmen zu müssen, macht die Sache eben doch einfacher und für sie ist es auch vorteilhafter, wenn sie nicht die ganze Kosmetikscheisse jedes Mal hin- und herzügeln muss.

Eines Tages bringt Paulo allerdings Gepäck mit. Eine gelbe Zahnbürste.
Die liegt am Abend, als Simone von der Agentur heimkommt, noch immer auf dem Lavabo.

Sie dreht den postgelben Eindringling mit den schwarzweissen Borsten, brandneu, erst zwei Mal benutzt, irritiert in den Händen. Schliesslich stellt sie das Ding in ihren Spiegelschrank, ständig im Augenwinkel mag sie es irgendwie doch nicht haben, wenn auch sie regelmässig sämtliche Körperflüssigkeiten austauschen.

Wann immer sie den Schrank öffnet, fällt ihr Blick nun auf die gelbe Zahnbürste rechts oben. Ein Token. Ein Symbol. Ein fremder Besitz. In ihrer Wohnung. Ein erster Schritt zum Zweitschlüssel? Simone schliesst den Schrank.

«Hoppla!,»
spöttelt Sonja, der aber auch gar nichts verborgen bleibt,
«jetzt aber! Es gilt Ernst!»

«Quatsch. Ist letztlich eine Frage der Hygiene.»
Simone kontert zähneknirschend.

Wochenlang wohnt die ‹Tigerente› in Simones Badezimmer mit. Mal steht sie an ihrem Platz im Schrank, mal schmiegt sie sich sogar im Zahnglashalter an Simones eigenes, perlweisses Bürsteli. Und mehr oder weniger regelmässig kommt sie auch zum Einsatz. Manchmal freut sich Simone sogar ein wenig über den gelben Griff, der aus dem Glas ragt und sie an die Moccaaugen denken lässt.

Als dann, irgendwann später, jemand anderes, mit andersfarbigen Boxershorts und grünen, höchstens grünbraunen, Augen in ihrem Bad steht, ist Simone versucht, ihm die gelbe Zahnbürste hinzustrecken.

Aber irgendwie schafft sie es doch nicht und stopft sie statt dessen zwischen ihre wimpertuscheschwarzen Wattepads in den Mülleimer.

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